Zügeln in die Neutralität

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Zürich zum Ersten

Das Freizügigkeitsabkommen ist eine nicht ganz unumstrittene Schweizer Regelung mit der Europäischen  Union, von dem nicht nur Ingo und ich im Rahmen unseres Zürichaufenthaltes enorm profitieren. Wir dürfen hier leben, arbeiten und uns genau wie ein Schweizer Bürger an Käsefondue und Sprüngli Schokolade erfreuen.

Doch ganz so einfach wie es scheint ist es leider nicht. Die erste Woche müssen wir dies in linguistischer Weise erfahren, die in Form eines krächzenden und rollenden Dialektes gelebt wird. Grundsätzlich ist zwar jeder Schweizer fähig, neben seiner Mundart auch Hochdeutsch zu sprechen. Ob dies allerdings aus freiem Willen geschieht, sei dahin gestellt. Offiziell wird das Schweizer Hochdeutsch auf Schulunterricht, Lehrveranstaltungen und Nachrichtensendungen der staatlichen Sender bezogen. In Alltagssituationen wird Schweizer Hochdeutsch nur mit Menschen gesprochen, die den heimischen Dialekt nicht verstehen. Und allein in der Stadt Zürich hat sich die Zahl der „Nichtversteher“ seit 1995 auf 22.600 mehr als verdoppelt. So viele Deutsche wohnen nämlich im Jahre 2008 in der Finanzmetropole.

Viel Zeit verbringen wir mit dem Verfolgen der lokalen Nachrichten- und Fernsehsender, um den „Aha-Effekt“ so bald wie möglich zu bekommen. Nach wenigen Wochen öffnen sich tatsächlich unsere Ohren für die ungewohnten Laute und selbst Ingo mit seiner Unkenntnis und seinem Unwillen gegenüber der Dialekterkennung (die auf norddeutschem Heimatgefilde basiert) versteht sich beim samstäglichen Bäckereibesuch in Sachen Gipfli und Weggli zu artikulieren.

Auch weiß er den Hinweis auf der Eingangstüre beim Betreten der Bäckerei richtig zu deuten. Denn „Stoßen“ heißt in diesem Fall weder ein Anrempeln eines mit wartenden Kunden noch eine Unhöflichkeit zu äußern im Sinne von „vor den Kopf stoßen“. Hier drückt man nicht die Türen auf, man stößt sie eben auf. Und ob das mehr oder weniger schwungvoll passiert, bleibt jedem Schweizer und Möchtegern-Schweizer selbst überlassen.

Eine „Stange“ gehört dagegen in der Schweiz schon eher zu den überlebenswichtigen Ausdrücken ernährungsnotwendigen Vokabulars. Das schlanke hohe Glas gefüllt mit Bier von Fass trägt würdevoll neben einer Schaumkrone auch den Namen „Stange“. Für drüü Stutz (drei Schweizer Franken) kann man einiges erwarten….

Man gewöhnt sich an alles, auch dass das Handy hier „Natel“ heißt und das Fahrrad „Velo“. Als uns allerdings letzte Woche unsere Spanisch Lehrerin Isabell in Sachen Pilzkunde aufklären wollte, wussten wir nicht so recht was wir davon halten sollten. Oder hättet Ihr gewusst, dass ein Eierschwanz etwas mit Pfifferlingen zu tun hat? Als ebenfalls „Zugereiste“ des Schweizer Landes, allerdings iberischen Ursprungs, handelte es sich bei ihr um eine simple Verwechselung. Und Eierschwanz und Eierschwamm klingen ja nun mal sehr ähnlich. Ungefähr genauso wie Stoßen und Drücken.

Wir alle sollten uns zu allererst mit der Schweizer Zurückhaltung vertraut machen. Immerhin war ich die ersten Monate in Zürich „ein Hauch von Nichts“. Dies war mir selbst natürlich zu anfangs nicht bewusst, wurde mir aber innerhalb weniger Tage schwarz auf weiß bestätigt. Job- und rechtlos wird in meinen Ausländerausweis ein dickes „Zum Verbleib beim Ehemann“ gestempelt, welches mir jegliche Rechte in Sachen Alleininitiativen verweigert. Richtig lachen konnte ich damals ganz und gar nicht darüber. Amüsant wird es erst einige Monate später, als bedingt durch einen Jobwechsel Ingo seine Selbständige Tätigkeit vorbereitet. Er ist zu dieser Zeit ganz offiziell für einige Wochen in einer Art Übergangsphase, sozusagen „joblos“. Bedingt durch meine gutgehende Massagepraxistätigkeit erlaubte ich mir damals erhobenen Hauptes und Zeigefingers ein ungeniertes Grinsen beim Betrachten der Ausländerausweise. Wäre es nun nicht an der Zeit, die Bleiberechte neu zu definieren? Vielleicht sogar dahingehend, dass der Verbleib nun auf Seiten der Ehefrau zu finden ist, niedergeschrieben im Pass des Ehemannes?

Weiß man in Zürich richtig mit seinem Humor umzugehen, kann man sogar bei der Wohnungssuche etwas zu lachen finden. Beispielsweise wenn man zu den öffentlich im Internet ausgeschriebenen Wohnungsbesichtigungen geht. Größenwahnsinnig wie wir nun mal von Natur aus veranlagt sind haben wir uns auf die „Goldküstenseite“ der Stadt Zürich spezialisiert. Auf der rechten Seeseite wollen wir wohnen, da ist die schönere Aussicht und es gibt weniger störende und sonnenraubende Berghöhen. Nicht dass wir dachten, wir wären besonders schlau im Auskundschaften der Stadt, doch hatten wir schon enorme Vorteile auf unserer Seite zu verzeichnen. Ein fester, unbefristeter Job, eine Eheurkunde, und eine Ehefrau, die den lieben langen Tag nichts anderes zu tun hat, als sich in diversen Straßen Zürichs herumzutreiben auf der Suche nach der geeigneten Bleibe. Wir finden bestimmt ruck zuck etwas Passendes.

Die drei Monate, die wir dann letztendlich benötigen um die adäquate Bleibe zu finden sind schlimm, nein sie sind ein Albtraum. Nach zwei Wochen ist mein Gesicht zu einem charakterlosen Lächeln eingefroren und meine Lebensgeschichte kann ich aus dem Tiefschlaf geweckt fehlerfrei aufsagen. Die Stadt Zürich leidet an akutem Wohnungsmangel. Ein Zeitungsbericht mit der Überschrift „Es hat nur 57 freie Wohnungen in der Stadt Zürich“ bestätigt dies. Die offizielle Leerziffer ist gerade letztes Quartal von 0,09 auf 0,03 Prozent gesunken. Einen Lichtblick am Horizont sehen wir allerdings. Eine Wohnung in schöner und ruhiger Lage mit Blick auf die Limmat lässt unsere Herzen höher schlagen. Reelle Hoffnung auf einen Mietvertrag haben wir, als wir herausfinden, dass der Hauseigentümer eine eigene Motorradwerkstatt betreibt. Guten Mutes bitten wir um ein Gespräch mit diesem. Dicke verbale Unterstriche erhalten unsere Erzählungen über unsere Motorradreisen und die angeborene Liebe zu den Zweirädern. „Ja, brummt der Besitzer, i fahr scho au gern und repariere tu i au alles, bloss keine BMWs!“ Ein verlegenes Gestammel über „die guten alten verlässlichen Japaner“ folgt unsererseits, doch über Geschmäcker lässt sich ja bekanntlich streiten. Wirklich schwinden sehen wir unsere Chancen erst, als er auch an Ingos Arbeitgeber kein gutes Wort lassen kann. „Ja, die Firma kenn i, mit der hann i mol beim Aktienhandel immens viel Geld verloren!“. Es ist wohl überflüssig zu erwähnen, dass besagtes Objekt einem Mitbewerber zugesprochen wurde….

Es folgen weitere Wochen von unzähligen Besichtigungsterminen mit noch unzähligeren Mitbewerbern. Eine Personenschlange von 40, 50 oder 60 Interessierten, teilweise bis vor die Haustüre reichend, ist keine Seltenheit. Anonymes Warten in einer anonymen Straße für eine anonyme Wohnung. Irgendwoher kenne ich das. War nicht in den 70er Jahren in Berlin eine ähnliche Situation? Vielleicht sollten wir doch aufs Land ziehen und statt die Abende mit Kino- und Kneipenbesuchen zu füllen, könnten wir uns ja nach 12 Jahren erstmals einen Fernseher anschaffen. Auf die Frage, die wir dann in ein paar Jahren gestellt bekommen, was uns am besten an der Schweiz gefällt, könnten wir ja antworten: Am besten gefallen uns die Dienstage, da kommen immer die „Desperate Housewives“….