Zu Besuch bei dem Berliner Künstler Kurt Mühlenhaupt

 

   

 

 Text und Fotos:

Claudia Suleck

 

 

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Das massive Holztor präsentiert die farbenfrohen Selbstbildnisse von Hannelore und Kurt Mühlenhaupt. Der eigenwillige Eingang führt zu dem Anwesen des Museums Bergdorf, das seit 12 Jahren die Heimat von Kurt und Hannelore ist. Sie empfangen täglich zahlreiche Besucher aus Berlin und Umgebung, die  anreisen, um Kunstausstellungen, Konzerte oder Lesungen zu erleben.

In Bergdorf gibt es vielerlei zu sehen. Neben dem Indianerschwein Julchen, dem Truthahn Siegfried mit seinen Damen, den beiden eitlen Pfauen Caruso und Pavarotti  wohnen hier auch noch der  Rottweiler Bolle, der Breitmaulfrosch Elvis und die Glucke Berta mit ihren Küken. Außerdem jede Menge Zwerge. Zwerge, die Tische auf ihren nach oben gestreckten Armen halten, oder welche, die einfach nur herumstehen. Kurt entwirft die Zwerge in seinem Atelier, jeder einzelne bekommt einen eigenen Charakter. Er vertritt eine regelrechte Zwergen-Philosopie. Auf den ersten Blick wirken sie naiv, mit kindlich-einfachen Gesichert. Aber Kurt möchte damit ein Vorbild für die Menschheit darstellen und nennt sie deshalb liebevoll „Du-und-Du“-Zwerge.  

Für die Herstellung verwendet er Ton, dessen Grundlage schlichter Lehm ist. Aus der Umgebung gesammelt muss der Lehm einige Monate ruhen. Bakterien verwandeln ihn während dieser Zeit in guten, hochwertigen Ton, welchen er nun rostrot in einer Blechwanne vor sich stehen hat. Mit dem Schöpflöffel entnimmt Kurt einen Klumpen und spießt ihn auf einen Holzdolch. Nun schlägt er ihn von allen Seiten, bis er flach wie ein Pfannkuchen ist. Jetzt ist er nicht mehr kleistrig sondern modellierbar geworden. Gekonnt rollt Kurt den Fladen ein, um davon eine Scheibe abzuschneiden. Hiermit kann er nun arbeiten, zum Beispiel einen neuen Zwerg modellieren. Später wird die fertige Figur mit Silikon eingestrichen, das dann wie eine Gummipelle das Kunstwerk in Form hält. 4-6 Wochen muss das ganze trocken, ansonsten würde die spätere Skulptur reißen oder zusammen schrumpfen.

Die rastlose Person gibt dem Rollstuhl mit Hilfe seines Fußes einen Schubs zum Vorwärtsrollen. „Altwerden muss man lernen.“ Kurt deutet auf seinen Fuß, der in einem selbst gestrickten Wollsocken steckt. „Altes Kriegsleiden! Een Granatensplitter riss mir die Hacke raus. Der Jahrgang 1921 wurde von Hitler verheizt. Von 200 Leuten kam nur einer zurück und det war ich.“ Kurt Mühlenhaupt ist Berliner. Geboren am 19. Januar 1921 auf der Eisenbahnfahrt von Prag nach Berlin, genauer gesagt in Klein Ziescht.

 

 

In jungen Jahren absolvierte er eine Lehre als Modellbauer und besuchte verschiedene Kunstschulen. Als Leierkastenmann, Trödler und Kartoffelschalenbimmler verdiente er sich anfangs seinen Lebensunterhalt. Der Tausch von Brennholz gegen Kartoffelschalen war sein Geschäft. 1961 gründete er ein Künstlerlokal in Berlin-Kreuzberg, das er „Leierkasten“ taufte

Während einer Krankheit, die ihn zwei Jahre lang ans Bett fesselte, begann er, seine Lebensgeschichte in elf Bändern zu schreiben. Jeder Buchstabe seines Nachnamens bildet ein Band. „Ick strebe eenen ständigen Wandel an. Gelingt er nicht durch Zufälle, dann durch Krankheiten.“ Sich  selber bezeichnet er als Runkelrübe. „Die steckste irgendwo inne Erde und da wägstse weeter.“ betont er und rückt seinen roten Filzhut zurecht. Er passt zu dem grauen Dreitagesbart. „Ick bin der Vorreiter der Hutgeneration. In der nächsten Generation werden alle Leute eenen Hut tragen, weil die Sonnenstrahlen nicht mehr zu ertrajen sind. In Portugal ist det schon so. Da trajen ooch schon alle Hüte.“ Das kann er aus eigener Erfahrung erzählen. Über einen langen Zeitraum hinweg lebte und arbeitete Kurt mehrere Monate im Jahr in Montes de Cima, wo er 1986 eine Quinta erwarb und daraus ein Atelier baute.  

Mit zunehmendem Alter ließ das Sehvermögen stark nach. Heut kann Kurt Farben nur noch schlecht erkennen. "Ick kann einfach nischt mehr richtig kiecken." Die Kunst des Details in der Malerei erlernte er nie. Er hat den Sinn für das Großflächige und sich damit seine Ursprünglichkeit bewahrt. Alle von ihm hergestellten Bilder besitzen eine starke Eigenart. Überall kritzelt er merkwürdige Worte hin. Seine Handschrift, ausgeprägt und malerisch, benutzt er als Bildelement. Kurt malt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, so seine Frau Hannelore. Den Menschen, wie er von der Natur geschaffen ist. Dies brachte ihm den Namen „Maler der Liebe“ ein. „Die krummen Beene, die roten Nasen, die abstehenden Ohren, det is allet Liebe zur Kreatur. Wenn ick dicke Beene male, sind die schön!“. Gesicht und Körperhaltung von gemalten Personen spiegeln Lebensläufe und Schicksale wider.

Auf die Frage nach den Bilderpreisen gibt Kurt selbstbewusst zur Antwort: „Jedet Bild ist so teuer, daß man es sich nischt leisten kann. Und dat hat seenen Grund. Wenn jedet Bild nur 20 Mark kosten würde, würden sofort alle Leute koofen und es wären hier nur leere Räume zu sehen. Die Leute haben ja alles, broochen nischt mehr. Sie koofen bei mir een Lebensgefühl.“

 

 

 

www.muehlenhaupt.de