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England, Tagebuch 2er die auszogen, britisch zu werden |
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22. Juli 2006 London Marathon Die Luft im Abteil ist zum Schneiden. Wie die Ölsardinen quetschen sich Athleten und Sportbegeisterte, Streckenposten und Zuschauer dicht an dicht. Es herrscht Stille im Zug und jeder scheint seinen eigenen Gedanken und Bedenken nachzusinnen. Habe ich auch wirklich genügend trainiert? Wird mein Knie mitspielen? Habe ich die richtigen Energieriegel bei mir? Zweifel gibt es zur Genüge. Noch 50 Minuten bis zum Start. Endlich stoppt der Zug in Blackheath. Ich beeile mich an die frische Luft zu kommen und schnappe wie ein erstickender Karpfen nach Sauerstoff.
Ausdauernd und beharrlich war mein Marathontraining der letzten 4 Monate. Ich habe gut und regelmäßig trainiert. Zum Glück hatte ich meine Laufkollegin Jane, die mich erbarmungslos zu den wöchentlichen Dreistundenläufen antrieb. Als Resümee kennt sie heute meine 34 jährige Lebensgeschichte in- und auswendig und ich die ihre. Nach 180 Minuten quatschen gingen allerdings selbst Hühnern wie uns der Gesprächs- und Sauerstoff aus und die letzten Kilometer haben wir regelmäßig im vereinten Schweigen abgespult. Heute ist endlich der ersehnte Tag da und wir marschieren in Richtung Start. Immer den massiven, farbenfrohen Heißluftballonen nach, die schon von weitem am Horizont zu sehen sind. Flora, der größte Sponsor des London Marathons spart nicht mit Wegweisern. Links herum zu den Toiletten, geradeaus zum roten Start, recht herum zum blauen Start. Wir sind blau, zumindest was die Farbe unserer Startgruppe betrifft. Der Sekt muss bis heute Abend warten. Aber erstmal heißt es gut durchkommen! Die Schlangen vor den Dixi-Toiletten sind lang, erschreckend lang. Noch 35 Minuten bis zum Startschuss. Uns bleibt nichts anderes übrig, als uns in die Pinkelschlange einzureihen. Jane bekommt gleich einen Nervenzusammenbruch. „Das sind viel zu wenig Toiletten!“ schimpft sie. „Wir werden zu spät zum Start kommen!“ Die Versuchung ist groß, einfach hinter den nächsten Busch zu springen. Wir befinden uns allerdings mitten im Wohngebiet von Greenwich und die Unterlagen mit letzten Instruktionen baten eindringlich darum: „Don’t wee in other people’s garden…“. Insgesamt 950 Dixi Toiletten stehen zur Verfügung. Hört sich nach einer ganzen Menge an, aber bei 32.000 Läufern kann es schnell zum Plastikboxen-Engpass kommen. Zusammenzwicken heißt die Lösung, nur noch 54 Pinkelverzweifelte vor mir... Mit entleerten Blasen und erleichtertem Druckgefühl sprinten wir Richtung Start. Riesige Lkws der Spedition TNT warten auf unsere Jutesäcke, die trockene und warme Sachen zum Ziel am Buckingham Palace transportieren sollen. Eine fleischige Helferhand greift nach unseren Klamotten und wirft sie in hohem Bogen auf den vier Meter hohen Berg aus Taschen und Säcken. Die Organisation ist fabelhaft. Jetzt heißt es nur noch den richtigen Startplatz zu finden. Wir orientieren uns an den großen Holztafeln, die die mutmaßliche Marathon Endzeit angeben. 3 Stunden 30… 3 Stunden 45…. 4 Stunden…. Letzteres klingt gut, wir reihen uns in die Masse. Ein prüfender Blick auf die Uhr, in zwei Minuten geht es los. Warm ist es hier zwischen all den Menschen und es stinkt. Nach Schweiß und Angst, nach Aufregung und Begeisterung. Jeder Läufer hat einen Zeitmesser-Chip an seinen Schuh befestigt, der erst beim Überqueren des roten Teppichs am Start elektronisch gelesen wird. Bis dorthin muss es etwa einen Kilometer sein, so riesig ist die Menschenmasse vor mir. Ich zucke zusammen als der Startschuss aus der Ferne ertönt. Los geht’s! Der Pulk sitzt sich leicht trabend in Bewegung. Ich beginne zu gehen, immer schneller, wechsle in leichtes joggen über. Der Piep ertönt, ich habe die Startlinie überquert.
Am Ende der Towerbridge werden wir wieder nach Osten geleitet. Psychologisch keine geschickte Taktik, liegt doch das Ziel und der Buckingham Palace in genau entgegen gesetzter Richtung. Aber irgendwie müssen wir ja unsere 42 Kilometer voll bekommen. Canary Wharf in den Docklands ist unser nächstes Etappenziel. Die Luft steht still und hat sich mittlerweile in eine feuchte, trübe Suppe verwandelt. Das hier ist das typische englische Wetter, für das die Insel so berühmt ist.
Ich passiere den Wendepunkt am Ende der Docklands. Von hier aus sind es noch etwa 5 Kilometer zurück zur Towerbridge, und anschließend weitere 10 Kilometer bis zum Ziel. Aufmerksam höre ich in meinen Körper hinein. Meine Atmung ist ruhig und gleichmäßig, meine Beine zeigen erste Ermüdungserscheinungen auf, doch ich weigere mich, langsamer zu laufen. Ein älterer Mann aus der Menge verteilt klein geschnittene Bananen an die Läufer. Nur nichts ungewohntes essen und trinken, ermahne ich mich. Obst habe ich noch nie während des Laufens zu mir genommen und ein verstimmter Magen wäre mehr als unangenehm.
Um mich herum beginnen die ersten Athleten zu gehen und die Gesichter werden von Meter zu Meter leidender, grübelnder und qualvoller. Ein Mädel verkleidet als Hula Tänzerin hangelt sich an der Absperrung entlang, Tränen laufen ihr über das Gesicht. "Was tue ich hier nur?“ verzweifelt schüttelt sie ihre schwarzen Locken. „Keep on going!“ ruft ihr ein Zuschauer zu, schnappt sie bei der Hand zieht sie hinter sich her. Die Menge jubelt.
Meine Oberschenkel brennen wie Feuer, sind hart wie Stein. Ich habe Angst, Krämpfe zu bekommen und massiere mit kleinen kreisenden Bewegungen die Muskeln. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Die Wochen vor dem Marathon hatte ich furchtbare Hüftschmerzen, jeder lange Lauf wurde zur Höllenqual. Und was ist heute? Die Oberschenkel! Das hatte ich noch nie. Aber ein Marathon ist ein Marathon und genau diese Unberechenbarkeit macht das Event so interessant.
Ich passiere das London Eye zu meiner Linken. Gewaltig und mächtig baut sich der Big Ben vor mir auf. Ich erkenne ihn und nehme ihn doch nicht wahr. Das Ziffernblatt flackert vor meinen Augen, die Zeiger der berühmten Uhr wanken höhnisch von links nach rechts. Meine Beine platzen und mir ist übel. Vor Hunger? Vor Erschöpfung? Wo ist nur das Ziel… „Noch 500 Meter, Du hast es fast geschafft!“ Meint der Typ mich? Warum schreien die nur alle so? Lasst mich in Ruhe! Ich will endlich ans Ziel! Nur nicht aufhören! Warum tut das nur so weh… Ich passiere die VIP Tribünen. Wie in einem Traum höre ich Laufkollegen aus meinem Club meinen Namen rufen. Schwerfällig drehe ich mich um, reiße meine Arme in die Höhe. „I have done it!“ Mein Körper bäumt sich auf. Ich gebe alles was ich kann, kratze die letzten verkümmerten Reste der noch verbleibenden Kräfte zusammen und versuche zu sprinten. Einem hilflosen Zappeln ähnlich passiere ich die Ziellinie. Ich springe in die Höhe. Vor Freude, vor Erleichterung, vor Glück. Ich lächele dem Zielfotografen entgegen. Ich habe es geschafft. 4 Stunden und 10 Minuten liegen hinter mir und mir laufen die Tränen über die Wangen. „Are you all right?“ fragt mich ein besorgter Helfer und legt seine schützende Hand um meine Schultern. Ich atme tief durch und gebe ihm zur ehrlichen Antwort:„Yes, definitely!“
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