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England, Tagebuch 2er die auszogen, britisch zu werden |
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26. März 2006 Natural History Museum Das riesige braun-grüne Monstrum starrt auf uns herab. Krallenartige Hände greifen zu uns hinunter und das einzelne braune Auge in der Mitte der Stirn quillt angestrengt aus der Augenhöhle hervor. Im Londoner Natural History Museum wird Vergangenheit und Fantasie vermischt, Natur und Zeitzeugen anschaulich dargestellt. Mein Neffe Michi ist für ein langes Wochenende in London zu Besuch, und obwohl Ferien sind, kann meiner nach Meinung ein bisschen Geschichtsunterricht nicht schaden. Es gab jede Menge Anweisungen von meiner Schwester Birgit, die ich noch gut im Ohr habe. Achte bitte darauf, dass Michi regelmäßig seine Socken wechselt, jeden zweiten Tag duscht und immer seine Zahnspange trägt. Jawoll, das ist meine Wochenendaufgabe, die ich sehr ernst nehme. Dusche und Socken konnte ich abhaken und seit heute morgen nach dem Frühstück höre ich Michis Zunge bei jedem „N“ und „S“ an die Gaumenplatte der Spange stoßen. Gut so, Birgit wird stolz auf uns sein. Das Erdgeschoss des Museums wird gedämpft in dunkelblauem Licht gehalten. Steine, Mineralien und Fossilien in den interessantesten Farben und Formen gestalten die Wände der hohen Halle. Hoch über uns hängt ein Planet, der die Erde darstellen soll. Eine Rolltreppe führt in das Innere des Körpers im All. Flackernde Lichter in mystisch kalten Farben bewegen sich auf uns zu. Wir reisen geradewegs hinein in die Welt der Wissenschaft und Forschung. Vulkanausbrüche, Erdbeben, Überschwemmungen, die Bandbreite der Naturkatastrophen ist leider immens und kann im vorderen Teil hautnah miterlebt werden. Ein nachgestellter Lebensmittelladen lädt zum Erdbeben-Shopping ein. Flaschen und Konservendosen werden im ohrenbetäubenden Lärm durch die Regalreihen geschoben und der Boden unter unseren Füßen bewegt sich ruckartig hin und her. Hier das Gleichgewicht zu halten hat eher etwas mit Muskelkraft als mit Balancegefühl zu tun. Das als echtes Naturschauspiel zu erfahren, na dann gute Nacht. Je tiefer wir uns in die Ausstellungsräume begeben, desto weiter scheint die Zeit zurück gedreht zu werden. Lebensgroße Skelette und Nachbildungen von Echsen, Dinosauriern und Mammuts ragen über unseren Köpfen bis unter die Decke. Triceratops, Ichthyosaur fossils, Edmontosaurus. Die Namen lassen sich kaum aussprechen und Michi ist fasziniert. Der Informationseinfluss ist enorm und nach einer unendlichen Zeitreise schleppen wir uns nur noch mühsam durch die Reihen, schwer mit der Konzentration und aufkommenden Müdigkeit kämpfend. Eine kleine Pause haben wir uns redlich verdient. Wie gut, dass Wochenend-Ersatz-Mama Claudia leckere Stullen mitgeschleppt hat. Nicht nur für unsere Mägen, auch für unseren Geldbeutel. Mittagessen in London lässt Guthaben in Null Komma nichts auf ein Minimum schrumpfen. Wasserflaschen, Salamisemmel, Schokoriegel. Mein Rucksack hat eine immense Fülle an Vorräten zu bieten. Michi stimmt begeistert meinem Pausenvorschlag zu und reibt sich hungrig den Bauch. Eine einladende Bank kommt uns wie gerufen und wir nehmen die Oberfläche mit unseren Habseligkeiten in Beschlag. „Ich glaube, ich habe ein kleines Problem“ höre ich Michi sagen. Aha, fehlt der Kakao oder was? „Ich habe meine Zahnspangendose zu Hause vergessen…“. Na, wenn das alles ist, dann ist die Welt ja noch in Ordnung. „Lege sie doch einfach neben Dich auf die Bank und nach dem Essen kannst Du sie ja wieder rein setzen, ok?“ Stolz, solch weisen mütterlichen Ratschlag geben zu können, reiche ich meinem Wochenend-Sohn mit ebensolchem mütterlichen Lächeln auf den Lippen sein Lunchpaket. Mit Blick auf die sterblichen Überreste der Lebewesen aus der Unterwasserwelt schlemmen wir genüsslich unsere Habseligkeit. Essen ist ja sooo schön. Sämtliche Museen und Galerien Londons sind kostenlos für die Bevölkerung und den Tourismus. Die im Dezember 2001 ins Leben gerufene Kampagne stellte sich bisweilen als großer Erfolg heraus. Nahezu 11 Millionen zusätzliche Besucher konnten gezählt werden, ein Zuwachs von 72 %. Unsere Vorräte neigen sich dem Ende entgegen und Papierreste verschwinden in unserem Rucksack. In Richtung Ausgang steuernd passieren wir einen letzten Glaskasten, der ein immens großes geöffnetes Gebiss eines Raubtieres zeigt. Ich beobachte Michis Gesicht, wie er anmutig die gewaltigen Eckzähne bestaunt. Plötzlich reißt er seine Augen auf, läuft puterrot im Gesicht an und dreht in halswirbelunfreundlichem Tempo zu mir herum. Ich kann meine Frage nach dem „Was ist?“ nur denken denn er schreit durch die gesamte Halle des Museums „Meine Zaaaaaaahnspangeeeee…!“ In rekordverdächtigem Sprint rast er zu unserer Pausenbank zurück. Sein suchender Blick schweift ruhelos umher, aber nur für Sekunden. In der oberen Ecke liegt das rosafarbene Draht-Plastik-Exemplar, nach dem Michi gierig greift und es auch schon in seinem Rachen verschwinden lässt. Erleichtert treffen sich unsere Blicke, die keiner Worte benötigen. Diesen Teil der Ausstellung des Londoner History Museums werden wir besser für uns behalten.
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