England, Tagebuch 2er die auszogen, britisch zu werden

 

 

 

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23. Jan. 2006 Chinatown

„Nee, igitt, zum Chinesen gehe ich nicht. Die essen doch Ratten und wer weiß, was noch alles…!“ Angewidert kräuselt sich die Nase meiner Mutter Annemarie und ihre Lippen ähneln einem Stück Schmirgelpapier. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, was zur Folge hat, einen vernichtenden Blick von ihr zugeworfen zu bekommen. Ihre Meinung hat sich seit Jahren nicht verändert. Der Auslöser liegt allerdings schon gute 25 Jahre zurück. Damals wurde ein chinesisches Restaurant in Nürnberg vom Gesundheitsamt geschlossen. Der Verdacht, Rattenfleisch auf den nett angerichteten Tellern serviert zu bekommen, hat sich bestätigt. Gut, sage ich mir da, die Tierchen können dann aber gar nicht so schlecht geschmeckt haben. Mit leckeren Geschmacksverstärkern ähnelt das magere Fleisch bestimmt ein wenig dem des gefederten Verwandten.

Von meinem ursprünglichen Plan, Annemarie während ihres Englandbesuches den Londoner Stadtteil Soho mit dem berühmten Chinatown zu zeigen, lasse ich mich allerdings nicht abbringen. Nach kurzer Orientierungslosigkeit, was unter Frauen nicht unüblich ist, finden wir doch noch die berühmte Einkaufsstraße.

Ein kunterbunt leuchtender Torbogen überzeugt uns davon, richtig zu sein. Riesige Plastikdrachen, kitschige Fähnchen und goldene Buddhafiguren übersättigen diese breite Straße nach asiatischer Art. Nackte, fettig glänzende Enten hängen in den Schaufenstern der Restaurants, wetteifern mit ihren fernöstlichen Köstlichkeiten um die Gunst des Kunden. Allein vom Ansehen kracht mir der Magen.

„Bist Du nicht auch hungrig?“ Mein prüfender Seitenblick schielt in Annemaries Richtung. Vom fernöstlichen Charme verzaubert verfolgen ihre Augen aufmerksam den flinken Bewegungen des Küchenmeisters im Restaurentfenster. „Hmmm, sieht ja richtig lecker aus. Was die wohl so dazu essen…?“ Ein Hoch auf Annemaries Neugierde. Mit meinem besten Erzähltalent dekoriere ich überschwänglich zarte Entenbrüstchen zwischen feinen Reiskörnern gefolgt von sündhaft leckeren Nachtischen. „In Ordnung, ich gehe das Risiko ein!“ Hörte ich da etwa einen leicht trotzigen Unterton heraus? Egal. Mein Magen hängt mir mittlerweile in den Kniekehlen und das verspätete Mittagessen käme mir genau recht.

Noch leicht unschlüssig stehen wir vor dem „Golden Dragon“ und studieren die Speisekarte als sich wie von Geisterhand die Eingangstüre öffnet und ein winziges, etwa 35 Kilo leichtes Persönchen uns lächelnd hinein winkt. Neben ihr fühle ich mich wie ein Nilpferd. Sie tippelt vor uns her und führt uns – noch immer lächelnd – an einen der Tische. Der Aufforderung, ihr unsere Jacken zu überreichen, kommen wir nicht nach. Das Fliegengewicht würde bestimmt unter der Last der Winterkleidung zusammen krachen. Die Verantwortung möchte ich nicht übernehmen. Der ganze Laden wimmelt von diesen gertenschlanken Miniatur-Bedienungen. Sie wirken ähnlich zerbrechlich wie die kleinen weiß-blauen Porzellanschüsselchen, die bereits unsere Plätze zieren. Ungefragt serviert uns eine der Elfen eine Kanne Yasmintee. Das kommt unseren dehydrierten Nieren gerade recht. Heiss und wohlriechend steigt uns der Kräuterduft in die Nase und der erste Schluck breitet sich wohlig in unseren Mägen aus. Auch unsere Mundwinkel verziehen sich zu einem Lächeln und gespannt warten wir auf das bestellte 3-Gänge-Tagesmenue.

Man muss uns unseren Hunger von den Augen ablesen können, denn nach nur wenigen Minuten kommt Hungerhaken-Elfe mit einem kleinen Bastkörbchen. Ein Deckel verwehrt unseren neugierigen Augen Einblick. Eine Viertel Ente, übersichtliche Salatgarnitur, feine Gurken- und Lauchspalten und ein Schälchen mit dunkler Sosse. Sieht aus wie die Grillsosse vom Aldi, schiesst es mir durch den Kopf. Geschickt beginnt unsere Bedienung, mit Löffel und Gabel die Ente in kleine Stücke zu zerhacken um sie zeitgleich mit den Salatschnipseln zu vermengen. Wahrscheinlich hat sie unsere verdutzten Gesichter gesehen, denn sie hebt nun den Bastdeckel an und entnimmt mit zwei Essstäbchen einen hauchdünnen Teigfladen, den sie kunstfertig mit einem Klecks Sojasosse verziert und diesen gleichmässig darauf verstreicht. Eine Miniportion Entenmischmasch und wenige Spalten des Gemüses werden zum Inhalt bestimmt. Geschmeidig rollte sie die Zutaten in den Fladen und reicht ihn uns zum Probieren. Wie fingerfertig sie mit den Stäbchen umgeht, denke ich mir, während ich mit einem Riesenbiss die Hälfte der Rolle vernichte. Lecker! Gespannt betrachte ich Annemaries Gesicht. Anscheinend war die Ente ausreichend als Federvieh zu erkennen, denn auch sie beisst herzhaft in ihr chinesisches Rollo. Jetzt probieren wir mal die Stäbchen-Ess-Kunst. Das sah doch gar nicht so schwer aus. Zwischen Daumen und Mittelfinger, so hat sie das doch vorhin auch gemacht. Komm her du blöder Fladen, stell Dich nicht so an. Die Stäbchen denken gar nicht daran, zwischen meinen Fingern zu bleiben. Schwupps, schon wieder glitscht mir der obere Spiess davon. Die magersüchtige Bedienung lacht sich kaputt. Also, ich würde verhungern, oder zumindest so aussehen wie sie. Vielleicht ist sie ja auch Marathonläuferin, wer weiss.

Die Hauptspeise besteht aus drei verschiedenen Fleischsorten und mein Achselschweiss verstärkt sich bei dem Gedanken, dass Annemarie vielleicht doch ihre Meinung ändern könnte und mit einem Ekelanfall das Weite sucht. Wieder bringen Miniaturbedienungen in Miniaturschüsselchen Fleisch in Miniaturportionen. Die eleganten Behältnisse mit feiner asiatischer Verzierung beinhalten Hühnchen mit gedünstetem Gemüse, Schweinefleisch süss-sauer und Rind in Sojasosse. Die Spannung steigt. Erstmal den altbekannten Reis. In dicken Klumpen klebt er an dem Löffel bevor er schwerfällig auf die Teller plumpst. Uncle Ben’s kennen die hier noch nicht.

Nun das Fleisch. „Das muss ich mir erstmal genauer ansehen!“ Mit prüfendem Blick rückt Annemarie ihre Brille zurecht. Unter Zuhilfenahme sämtlicher Sinne, beginnt sie in mikroskopischer Kleinarbeit, die Fleischteilchen von links nach rechts zu schieben, auf der Suche nach dem Nichts. „Hm. Riecht wie Hühnchen, sieht aus wie Hühnchen, vielleicht ist es ja wirklich Hühnchen. Ich muss mal probieren.“ Ja, eins zu null fuer mich! Ein Fingernagel großes Stück des mutmaßlichen Hühnchens schiebt sich zwischen Annemaries Lippen, um mit spitzen Zähnen in das Innere ihres Mundes zu gelangen. Fünf endlos lange Sekunden vergehen, ehe ich es wage, meine zugekniffenen Augen zu öffnen. Aber was ist das? Wie in der Miracoli Werbung ragt Annmaries rechte Hand die Gabel in die Höhe, während ihre Geschmacksnerven die Vollkommenheit bestätigen. „Wow, ist das zart... und so....lecker...“. Aus dem Nichts schwebt unsere fürsorgliche Bedienung herbei. Das eingemeisselte Lächeln verändert sich nicht, als sie sich nach unserem Wohlbefinden erkundigt. Annemaries Antwort kam aus tiefstem Herzen: „Das schmeckt einfach WUNDELBAAA!“