England, Tagebuch 2er die auszogen, britisch zu werden

 

  

 

 

 

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01. Aug. 2005 Germanlessons mit Robin

„Ich gehe mit mein Sohn zum Tennisclub.“ Mein Deutschschüler Robin blickt mich erwartungsvoll an. Schmunzelnd schüttele ich den Kopf. „Es muss heißen >mit meinem Sohn<. Aber don’t worry“, beruhige ich ihn „die Endungen in der deutschen Sprache sind nicht einfach. Probier’ es noch mal von vorne!“ Selbstbewusst startet er erneut seinen Wochenendbericht. „Meinem Sohn und ich gehen zum Tennisclub.“ Obwohl ich versuche, über kleinere Fehler hinwegsehe, klingeln mir an dieser Stelle die Ohren. Bereit, das Unmögliche zu erklären, greife ich zu Papier und Stift und überlege, wo ich ansetzen soll. Robin hat heute seine zehnte Unterrichtsstunde. Sein Wissen beschränkt sich auf die Gegenwart, einen Sack voll Wörter und jede Menge guter Willen und Begabung. Soll ich ihm wirklich die Illusion nehmen, irgendwann fehlerfrei der deutschen Sprache mächtig zu sein? Die Vorstellung von Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ in diesem frühen Stadium könnte alles zunichte machen. Zu umfangreich sind die vier Fälle, zu kompliziert deren Aufbau.

Ich entscheide mich für die schmeichelhafteste Variante und fahre stattdessen fort. „An welchen Tagen spielt Dein Sohn immer Tennis?“ Wie jeder Familienvater, der über gute Taten seines Sprösslings berichten kann, strahlt er über beide Ohren, während er bereitwillig preisgibt: „Immer Sonnerstag um zehn Stunden.“

Die Schwierigkeiten die Robin beim Erlernen meiner Muttersprache hat, zeigt mir, wie unlogisch teilweise die deutsche Sprache aufgebaut ist.  Warum  zum Beispiel heißt es „das Mädchen“ und nicht „die Mädchen“, wo das Mädchen doch Zweifels ohne weiblich ist. „Die Frau“ wird da schon fairer behandelt.

Warum aber ist der Artikel bei „der Hund“ männlich, „die Katze“ aber wiederum weiblich? Sobald sich die Tiere verkleinern, werden sie sächlich, wie zum Beispiel „das Hündchen“ und „das Kätzchen“.

Beim Blick durch den Raum stellt sich mir die Frage, warum „der Tisch“ männlich ist, „das Bett“ aber sächlich? Wie soll sich ein Ausländer all diese verschiedenen Artikel merken?

Warum gibt es zwei Wörter für den Schienenverkehr? Zug und Bahn? Worin liegt der Unterschied zwischen „Kreisverkehr“ und „Kreisel“? Warum nennen wir unsere Geschäftsreise „Businesstrip“, selbst wenn wir von Bremen nach Köln fahren und warum treffen wir uns in einer deutschen Firma mit deutschen Kollegen in einem „Meeting“?

Robins jungfräuliche Art, die deutsche Sprache zu lernen, hat mich nicht nur einmal zum Nachdenken gestimmt. Während englisch mit lediglich wenigen Einschränkungen „straight forward“ ist, muss ich sogleich die frisch erklärten deutschen Regeln mit Ausnahmen belasten.

Die englische Mehrzahl wird äußerst simple durch das Anhängen eines „s“ am Wortende gebildet. Table wird zu Tables, Bottle zu Bottles, Chair zu Chairs. Nicht annähernd so einfach ist die Bildung der deutschen Mehrzahl. Warum sind zwei Frauen nicht Fräuen, während die Mehrzahl von Laus Läuse ist?

Warum sind mehrere Tische nicht Tischen, wo sich doch die Flasche in Flaschen verwandelt und die Bluse in Blusen. Warum heißt die Mehrzahl von Lampen nicht Lamper, ähnlich wie bei Lichter und Bücher?

Fragen über Fragen, und wir haben erst die zehnte Stunde hinter uns…

Ich erinnere mich noch an unseren Englischlehrer Sean, der Ingo und mir immer wieder versicherte, die kleinen Fehler die wir in der englischen Grammatik oder Aussprache begehen, sind durchaus niedlich und geben dem Ausländer eine individuelle Note. Ingo ist bei diesen Äußerungen meistens in die Luft gegangen. Grundsatzdiskussionen entfachten nicht nur einmal, die gepaart mit deutscher Gewissenhaftigkeit und Perfektion mit Niedlichkeit nichts mehr gemein hatten.

Heute muss ich mir von Robin genau die gleichen Kommentare anhören. Weder will er eine putzige Aussprache haben noch will er „lediglich verstanden“ werden. Er will perfekt sein und wen wundert es dabei, dass er eine Jungfrau als Sternzeichen in sich trägt. Ich finde es trotzdem ganz reizend, ihm zuzuhören. Am besten gefällt mir, wenn er sich an den Tisch setzt, sein Buch aufschlägt und in fehlerfreiem Deutsch beginnt: „So, dann wollen wir mal…“