England, Tagebuch 2er die auszogen, britisch zu werden

 

 

  zurück

 

 

 

 

 

 

 

zurück

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

zurück

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

zurück

 

 

 

 

                    

 

18. Mai 2005  Redewendungen – die feinen Unterschiede

Gleichmäßig liegen die bleistiftdicken Röllchen auf meinem Dessertteller. Cremefarben, von ebenmäßiger Glätte, nach Vanille duftend. Zartbittere Schokoladenplättchen lehnen verführerisch an dem kalorienreichen Stapel. Eine Teelöffelspitze des Undefinierbaren taucht in einen Klecks aus feurigem Himbeermus, um anschließend den Weg zu meinen Lippen zu finden. Sündhaft süß, unverschämt sahnig, die Versuchung ist teuflisch. Und dennoch tanzt der Hauch von Nichts federleicht auf meiner Zunge. Als ich Sekunden später die Augen wieder öffne, sehe ich in Ingos Gesicht - gequält und verträumt -  ein Werk des Genusses. Ein kleiner Rest Zitronensouffle klebt noch an seiner Unterlippe. Der leicht geöffnete Mund versucht die Anerkennung zu formulieren. „Leeeecker…!“ Heute sind Worte überflüssig…

Thank God für meinen Hotel-Arbeitgeber! Ein kostenloses Wochenende im Vier-Sterne-Hotel, umsorgt von Kopf bis Fuß. Vom a-la-carte-Dinner bis hin zum Frühstücksbuffett. Das Leben kann so schön sein, auch ohne Zelt und Benzinkocher…

„Wunde-ba!“ würde Gerry, mein neuer Chef jetzt schwärmen. So oft wie möglich kramt er seine 30 Jahre alten und mittlerweile etwas verstaubten Deutschkenntnisse aus der Schublade. Den Vorteil, die Fehlerkorrektur von mir postwendend aus der linken Büroecke zu bekommen, nimmt er dankbar an. Eine Hand wäscht eben die andere, oder wie der Engländer sagen würde: „You scratch my back and I’ll scratch yours“. Die Bedeutung der weit verbreiteten Sprüche bleibt die gleiche, wenn auch die interpreterische Freiheit englischen Fantasien keine Grenzen setzt. „There is more than one way to skin a cat!“ hörte ich neulich von einem Kollegen. Arme Katze sage ich da nur. Da bleibe ich doch lieber auf einem meiner Wege, der garantiert nach Rom führt. Glücklich Verliebte sitzen hierzulande auf Wolke 9. Kein Wunder, Nummer 7 ist von den deutschen Turteltauben belegt. Während der Engländer „Fit as a fiddle“ ist, vergleichen sich Deutschlands Fitnessfanatiker mit ihren Turnschuhen.  Aber so ist das nun einmal. Zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen erscheint mir persönlich allerdings weit weniger grausam als “To kill two birds with one stone“. Aber ich war schon immer etwas sensibel angehaucht…

Am witzigsten finde ich noch, dass hungrige Briten ein Pferd essen könnten, während wir Deutschen uns mit dem halben Schwein auf Toast zufrieden geben würden. Witzig hin oder her. Einer Umfrage zufolge sind 41% der Engländer der Meinung, dass sich ihre deutschen Geschäftspartner ruhig etwas von der Lockerheit und dem humorvollen Umgangston ihrer britischen Kollegen abschauen sollten. Der Spaßfaktor ist es, der uns fehlt! Auf der anderen Seite wird uns die deutsche Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit hoch angerechnet. Fleiß und Disziplin zeichnet eben die geschätzte Wertarbeit aus. Ein Hoch auf die preußischen Tugenden!

Bleibt abschließend lediglich eine Frage zu klären: Warum fahren die Engländer eigentlich links? Neulich abends beim Bier konnte keiner der anwesenden Landsmänner diese Frage beantworten. Ingo wäre nicht Ingo und schon gar kein wissbegieriger Zwilling, wenn er diese unbefriedigende Antwort akzeptieren würde. Ein kurzer Blick in Google’s Suchmaschine und schon hatten wir genau sieben Theorien. Wir einigten uns auf die mittelalterliche Variante. Unsere Männer sind ja gewissermaßen alle Ritter, wenn auch die ritterlichen Manieren größtenteils zu wünschen übrig lassen. Wie auch immer. In früheren Zeiten trugen die Herren in Rüstung in der rechten Hand ein Schwert und in der linken Hand ein Schutzschild. Sie marschierten auf der linken Straßenseite, um sich im Falle eines Angriffs mit dem Schwert in ihrer Rechten kämpferisch zu verteidigen und sich mit dem linksseitig positionierten Schild zu schützen.

Ist doch eine nette Erklärung, oder? Und jetzt müsst Ihr mich entschuldigen, ich muss mal kurz wohin. But I’ll be back before I’m there…