|
England, Tagebuch 2er die auszogen, britisch zu werden |
|||
|
|
04. Mai 2005 Sportclub-Schulversorgungs-Lehrerin Nach genau 506 Tagen scheint mich der Arbeitsalltag eingeholt zu haben. Die Zeit der Kaffeekränzchen, wöchentlichen Massagen und Stadtbummeln ist vorbei. Und Schuld daran ist Gerry, mein neuer Chef! An einem ganz gewöhnlichen Montagmorgen philosophierten wir mal wieder über Sinn und Unsinn des Lebens, was ihn von seinem Fitnesstraining abhielt und mich von meiner Rezeptionsarbeit. Das Angebot, für ihn zu arbeiten, machte er mir unverblümt und ohne Umschweife. Seine Büroschnecke hätte gekündigt und ich würde gut in seinen Laden passen. Als Lieferant für Überseeschulen hat er sich in Fachkreisen einen Namen gemacht. Allen erdenklichen Unterrichtsbedarf liefert er in die weiten Teile der Welt. Gehören Motorräder auch zu Schulbedarf? Ob sie auf dem Schiff nach Afrika neben Büchern und Landkarten auffallen würden??? Diese Frage hebe ich mir besser für etwas später auf… Nun sitze ich also dreimal wöchentlich in seinem Büro, erkämpfe mir die Zusammenarbeit mit dem Steuerprogramm. Remittance Advice, Reconciliation und Profit-Loss-Calculation. Konnte sich Herr Software nicht etwas einfacheres einfallen lassen? Kaffeeduft, Zahlenkloppen, Berge von Papier. Ich habe es vermisst. Und trotzdem bleibt die lieb gewonnene Freiheit weiterhin Bestandteil meines Lebens. Arbeiten kann ich wann ich will und so oft ich will. Es macht tierischen Spaß, wäre da nicht ein klitzekleines Hindernis. Mein Sportclub ist in Personalnot. Ausgerechnet mit Beginn meines Zweitjobs kommt die Anfrage, ob ich nicht etwas mehr arbeiten könnte. Dummerweise kann ich nicht „nein“ sagen. Die Spätschicht im Leisureclub beginnt nahtlos nach Büroschluss. Unterhaltsamer Tratsch aus dem Cluballtag hält mich wach. Doch nach 14 Stunden Arbeitstag erliege auch ich meinen schweren Augenlidern. Ingo ist ein Engel. Seine sanfte große Hand schiebt mich in Richtung Couch, als ich schlapp den Spüllappen über die Küchenanrichte bewege. „Ich mache das schon…“ und schon bin ich meiner Pflichten entledigt. Wie gesagt, er ist ein Engel. Endlich die Füße hochlegen. Doch Moment! Habe ich den morgigen Deutschunterricht vorbereitet? Natürlich nicht! Die Couch muss warten. Zweimal wöchentlich weihe ich willige Engländer in die Geheimnisse der deutschen Sprache ein. Nach Stapeln von durchgearbeiteter Fachliteratur sind meine Kenntnisse auf dem neuesten Stand. Modalverb, Komparativ und Präposition. In meinem nächsten Leben werde ich Lehrerin. Aber erstmal muss ich das jetzige zu Ende bringen. Ich versuche mich an meinen Englischunterricht aus Schulzeiten zu erinnern: „ Peter, Paul and Mary are sitting in the kitchen.“ Peter, Paul und Mary sitzen im Knast. War das von Otto? Vielleicht doch lieber den Spanisch Unterricht? Aprender Espanol? Por que? Para hablar con amigos y para ir a Espana por vacaciones… Aber wer fährt schon nach Deutschland in den Urlaub?
Mein Terminkalender ist gut gefüllt und ich bin glücklich. 26 Stunden, gebucht und bezahlt im Voraus. Habe das, wovon ich schon immer geträumt habe. Arbeite selbständig als Dreifachjobberin. Bevor ich diesen Gedanken zu Ende denken kann, zerrt ein unsichtbarer Magnet an meinen Augenlidern und ich verfalle in einen traumlosen Tiefschlaf.
|
||