England, Tagebuch 2er die auszogen, britisch zu werden

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4. März 2005 Über schmutzigen Sprachgebrauch und kurze Röcke

Engländer sind höflich. Zu höflich! Einer unserer englischen Freunde beschreibt die britische “Politeness” wie folgt: “Bekommst Du eine Einlandung, ein Kompliment oder sonstige Aufmerksamkeiten, bedanke Dich mit mehreren „thank you“. Benutze oft genug „sorry“, z. B. bei einer Geschenkübergabe, oder wenn Gäste Dein Haus betreten. Sei nicht sparsam mit diesen Wörtern. „Thank you”, “Oh sorry”, “Thank you so much”, “I am so sorry”… Hast Du am Ende des Tages das Gefühl, Du hast Dich zu wenig bedankt? Ein „sorry“ kann für vieles entschädigen. Wie gesagt, diese Definition kommt von einem Engländer selbst.

Zu den groben Verstößen der feinen englischen Art gehört dummerweise auch das Korrigieren von Sprachfehlern. Ausländer in ihren typischen Fehlern verbessern? Niemals! Unserer offensichtlichen deutschen Aussprache widersprechen? Unverzeihlich! Wie lange hat es gedauert, unserem Englischlehrer klarzumachen, dass er genau deswegen einmal wöchentlich in unserem Wohnzimmer sitzt. Wie oft habe ich Kollegen bekniet, mich bitte, bitte, bitte auf meine sprachlichen Fehler aufmerksam zu machen. Und siehe da, es hat gewirkt. Von Dave, einem unserer Fitness Instruktoren bekomme ich täglich eine kleine Englisch Lektion. Entweder ein neues Wort oder eine weitere Bedeutung eines solchen. Wusstet Ihr beispielsweise, dass man beim Kartenspielen auch schlurfen kann? „Shuffle“ bedeutet sowohl mit den Füßen über den Boden schleifen wie auch Karten mischen. Weil ich früher meine Füße nie heben wollte und somit sämtlichen Schuhen das vorzeitige Aus im Altkleidersack sicherte, hat mich mein Papa immer „Schlürchen“ genannt. Wenn ich nun in englischen Verhältnissen aufgewachsen wäre, wie wäre dann mein Spitzname gewesen? Shufflely? “Come on Shufflely, only eight more miles to go…!”

Die Sprachkorrekturen gehen mittlerweile sogar soweit, dass mir offen und ehrlich gesagt wird, mein Englisch sei dreckig! Hätte einen Einschlag des so genannten „Estuary English“, welches eine Form der Betonung ist. Sie trat in den späten Zwanzigern auf und wird regelmäßig von den Bewohnern aus „Essex“ verwendet. Das Erkennungsmerkmal ist die Betonung des „i“ oder „y“ in beispielsweise „my“, „I“, „fire“, „high“, das in deren Breiten fälschlicherweise als „oi“ wie in „Feuer“ betont wird. Hochenglisch richtig wäre es betont wie das „ei“ in „Leipzig“.

Soviel zu meiner englisch sprachlichen Veredelung. Im Aufpicken von Dialekten war ich ja schon immer recht schnell. Zu Besuch im Frankenlande ernte ich regelmäßig ein ungläubiges Kopfschütteln, wenn ich hervorhebe, dass ich ein echtes „Nürnberger Mädel“ sei. Der Bremer Slang dominiert unfreiwillig nach acht Jahren Nordlicht-Dasein. Ich erinnere mich noch zu gut, welchen Spruch ich damals von Hansi aus der Buttenheimer Löwenbräu bekam, nachdem ich ihm meine Umzugspläne mitteilte: „Zu die Fischköpf’? Wos willst’n do drob’n?“

Neulich stehen zwei ältere Damen vor unserer Wohnungstür und beginnen ungefragt, mir die Story vom wilden Pferd zu erzählen, oder vielmehr über den Inhalt der Bibel zu philosophieren. Nicht dass ich als Halbtagshausfrau gar keine Zeit dazu hatte, nein, ich wollte mich eigentlich auch den schönen Dingen des Tages hingeben und eine Runde joggen gehen. Ungeduldig wippend lehne ich am Türrahmen und warte auf das Ende der Predigt, als eine der beiden realisiert, dass ich Deutsche bin. „Oh, gutes Tag! Wie geht Ihnen?“ brüstet sie sich stolz mit ihren Deutschkenntnissen aus dem Jahrzehnte zurückliegenden Schulunterricht. Also, ich bin ja nun mal praktisch veranlagt. Und die deutsche Sprache ist ja bekanntlich nicht gerade die einfachste. Diese offensichtliche Unrichtigkeit wird sie den Rest ihres Lebens weiter verwenden, denke ich mir und öffne auch schon den Mund:“ Nein, Madam, das ist falsch! Es muss heißen –Guten Tag, wie geht es Ihnen-. Das hängt damit zusammen, dass der Tag maskulin ist und sich der männliche Artikel in dem vorgestellten Adjektiv wieder findet.“ Oh, Mann, da habe ich aber was gesagt! Von einer Sekunde auf die andere verändert sich die Gesichtfarbe der Dame und nimmt die einer Tomate an. Stotternd bedankt sie sich für meine Zeit, macht auf dem Absatz kehrt und stürzt mit wehenden Röcken die Treppe hinunter. Ich fürchte, die beiden werden an unserer Wohnungstür nicht mehr die Botschaft Christi verkünden.

Wie auch immer, in jenes sprachlich verdorbene Essex treibt es uns heute. Es ist allerdings nicht das Interesse an dem Ausfindigmachen der mundartlichen Unterschiede, das uns in den Londoner Nordosten führt. Vielmehr wollen wir uns in der sportlichen Allgemeinbildung schulen und unsere Aufmerksamkeit einem Damen Hockeyspiel widmen. Es ist bitterkalt an dem heutigen Samstag. Kalter Ostwind weht uns in die Jackenkragen, als  22 nackte Beine an uns vorbeigetrabt kommen. Nein, halt, ich habe mich verzählt. Es sind nur 20! Des Torwarts Beine (oder muss man aus Gründen der Emanzipation Torwärtin sagen?) stecken bis zu den Oberschenkeln in aufwändig gepolsterten Beinschonern. Rücken und Hinterteil werden ebenfalls von Protektoren geschützt, geben dieser Person Ähnlichkeit mit einem Michelin Männchen wie auf Führerhäusern der Lkws zu finden. Die Teams, bestehend aus 10 Mitspielerinnen, sind bekleidet mit dunkelblauen Röckchen, die die rot gefrorenen Beine zur Hälfte bedecken. Also, da stellt sich mir doch schon mal die erste Frage. So ganz unter uns: Ist es nicht ein bisschen anzüglich, den Spielerinnen offensichtlich unter die Röcke gucken zu können, wenn sie in gebückter Haltung nach dem Ball schlagen? Wir werden sehen…

Hockey wurde früher traditionell auf Gras gespielt, heutzutage allerdings immer öfter auf Feldern mit synthetischer Oberfläche. Noch wenige Sekunden sind es bis zum Beginn der ersten Halbzeit. Zwei mal 35 Minuten sind zu überwinden.

Die Spielerinnen stellen sich im engen Kreis auf, die Schläger in dessen Mitte gehalten. Mit lautem Gebrüll und „Wir-sind-die-Besten“-Rufen schleudern sie die Schlagstöcke in die Höhe um ihr Spiel zu beginnen. Kräftige Frauenbeine galoppieren über das Feld, auf der Suche nach dem weißen, runden Opfer. Geschickt benutzen die Damen den am unteren Ende gebogenen Schläger um zu dribbeln, stoppen, schlagen und schieben. Angreifer, Verteidiger und so genannte „Midfielders“ beherrschen das Feld. Mit dem einen Ziel, einen Treffer zu erzielen, indem der Ball im gegnerischen Tor landet. Die Regeln sind streng. Lediglich aus einem fest definierten, halbrunden Kreis vor dem gegnerischen Tor erzielte Treffer gelten als solche.

Aber was ist das? Ein Foul aus der gegnerischen Mannschaft. Die schrille Trillerpfeife der Schiedsrichterin ertönt, gefolgt von einer Verwarnung, ausgesprochen mit erhobenem Zeigefinger. Hockey ist keinesfalls harmloser als Fußball und Frauen nicht zaghafter als Männer.

Die Gefoulten bekommen eine Strafecke, vergleichbar mit dem Elfmeter beim Fußball. Bis zu fünf Verteidiger positionieren sich hinter der „Back-Line“. Das darf sowohl innerhalb des Tores sein als auch außerhalb. Wie die Eichhörnchen lauern die Mädels in geduckter oder kniender Haltung, fixiert den Ball aus sämtlichen Winkeln. Und hier ist des Rätsels Lösung. Genau in meinem Blickwinkel steht eine vollschlanke Blondine. Tief nach unten gebückt entblößt sie ihr Hinterteil. Allerdings nicht wirklich! Eine hautenge Radlerhose in der gleichen Länge wie die des Rockes verhindert den Blick auf ihren Allerwertesten. Hätte mich auch gewundert, bei den etwas prüden, verklemmten Engländern. Wer sogar mit Badeanzug in die Sauna geht, zeigt sein Hinterteil erst recht nicht auf dem Hockeyfeld….