England, Tagebuch 2er die auszogen, britisch zu werden

 

 

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14. Februar 2005 Valentinstag

In rosafarbener Schrift, verziert mit Blümchen und Herzchen springt die Werbung direkt ins Auge. „VALENTINES WEEKEND“! Verwöhnend, relaxend, motivierend. Verspricht zumindest der Schriftzug. Der Priory Health and Leisure Club hat sich für die Damenwelt etwas ganz besonders ausgedacht. Ein Sport-Wochenende-Freifahrtschein sozusagen. Im exklusivsten privaten Freizeitclub der Umgebung. Männer, greift zu, solange der Vorrat noch reicht! Eure Frauen werden es Euch danken. Aber werden sie das wirklich? Mal ganz ehrlich. Wenn Ingo mit einem Gutschein ankäme, der mir drei Tage lang unbegrenzte Sportmöglichkeiten „nahe legt“, was soll ich darüber bitte denken. Mag er meine Kurven nicht mehr? Sind ihm meine Oberschenkel zu labberig? Steht er seit neuestem auf Hungerhaken a lá Victoria Beckham? Ich habe die vage Vermutung, dieses „Special Offer“ wird den einen oder anderen Familienkrach hervorrufen…

Wie schön, dass es den Valentinstag gibt! Hier in England wird er hoch gehandelt. Wer etwas auf sich und seine Partnerschaft hält, macht sich beliebt durch kleine und große Aufmerksamkeiten. Seit Wochen sind für jenen Abend des 14. Februars sämtliche Tische in den besten Restaurants der Stadt ausgebucht. „Dinner For Two“ mit Rotwein im sanften Licht des Kerzenscheins. Ebenso hoch im Kurs stehen kleine Schächtelchen, zierlich verpackt, verschwenderisch mit roten Herzen bedruckt. Die kitschige Schleife außen herum gibt dem Liebesbeweis den letzten Schliff. Juweliere erleben im Februar ein zweites Weihnachten.

Im Redhiller Shoppingcenter knien Männer mit wuchtigen Blumensträußen im Arm auf den kalten Fliesen nieder, um jedem weiblichen Wesen die Blume der Liebe zu überreichen. Mit meinen plumpen Wanderstiefeln und Outdoorhosen sehe ich sicherlich nicht übermäßig weiblich aus, weswegen ich von Kopf bis Fuß von einem der Rosenkavaliere abfällig gemustert werde. Heute trägt Frau im allgemeinen Pumps zu Perlonstrümpfen und edlem Rock. Mein Problem ist nicht nur, dass ich in solchen Schuhen weder laufen noch Rad fahren kann. Vielmehr besitze ich sie gar nicht. Der Gleichberechtigung habe ich es vermutlich zu verdanken, dass ich dennoch eine Rose überreicht bekomme, gefolgt von einer tiefen Verbeugung. Ich klopfe dem Mittvierziger auf den Rücken mit dem Hinweis, er möge sich doch wieder aufrichten. Ein Hexenschuss tritt ohne Vorwarnung ein und ist nicht selten in seinem Alter. Mit verwirrtem Blick reicht er mir hektisch eine rote Rose entgegen, wohl darauf bedacht,  sich an den vielen Dornen nicht zu stechen. In meinem höflichsten  Schulenglisch bedanke ich mich für die Gabe, weise ihn allerdings auf meine Einkaufstaschen hin, die meine beiden zur Verfügung stehenden Hände vollends ausfüllen. Selbst der Rucksack ist bis zum Bersten gefüllt und mit einem entschuldigenden Kopfschütteln trabe ich weiter. Aus den Augenwinkeln beobachte ich, wie Romeo erneut schauspielerisch auf die Knie fällt, um einer hübschen Blondine die ewige Liebe in Form einer roten Rose zu versprechen. England ist dramatisch! Ganz besonders an Valentinstag… 

Auch Ingo Arbeitskollegen sind daran interessiert, was sich ihr General Manager für den heutigen Abend hat einfallen lassen. „Nix“ so seine ehrliche, ungalante Antwort. „Das ist doch ein Tag wie jeder andere…“ fügt er mit einer wegwerfenden Handbewegung hinzu. Mitleidige Blicke machen dem Entsetzen Platz. Peinliche Stille. Außer Kopfschütteln und Schulterzucken wissen die Kollegen nichts zu antworten. Mit verschmitztem Lächeln fügt Ingo siegessicher hinzu: „ Aber bei uns zu Hause ist jeder Tag Valentinstag!“