England, Tagebuch 2er die auszogen, britisch zu werden

 

 

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24. Dez. 2004 Englische Gewohnheiten

Täglich erreichen sie uns. Mit Goldverzierung und pummeligen Engeln, Glitzerschmuck und grinsenden Schneemännern. Rot, grün, gelb und blau leuchtet uns entgegen wenn sie sich in großer Anzahl durch unseren Briefkastenschlitz drücken. Weihnachtskarten haben in England eine enorm hohe Priorität. Jeder für jeden und von jedem. Selbst unter Arbeitskollegen und Sportsbekanntschaften werden die guten Wünsche in Schriftform ausgetauscht. Meist sind sie kurz und präzise gehalten. Variable Kreuze unter der Unterschrift dürfen als Platzhalter von freundschaftlichen Küssen gedeutet werden. Nett sind sie allesamt gemeint! Der Engländer besitzt bereits von Haus aus ein sehr höfliches Grundauftreten. Aber mal unter uns. Was machen die nur mit den ganzen Karten? Auf dem Fensterbrett präsentieren, nach dem Motto, wer an Silvester am meisten zusammen hat, gewinnt? Aufheben bis Ostern, wenn die Engel auf den Karten von Hasen abgelöst werden? Wie auch immer...

Jedem Völkchen werden bestimmte Eigenheiten nachgesagt. Ist es bei den Deutschen das Sauerkraut mit der Bratwurst, Pünktlichkeit und Qualitätsarbeit, ließe sich für die Chinesen das eingemeißelte Grinsen gefolgt von Verbeugungen aufzählen. Was aber ist bei den Engländern abgesehen vom Weihnachtskarten schreiben “das gewisse Etwas“? Nach acht Monaten Observationszeit befindet sich in meiner Engländer-Schublade jede Menge Alkohol. Und dabei spielt es auch keine Rolle, ob in Form von Bier, Wein oder Schnaps. Hauptsache flüssig!

Wie zum Beispiel neulich auf einer Veranstaltung. Der Champagnerempfang an der Bar eröffnet den Wettkampf.  Literweise Rotwein, Weißwein und sämtliche Sorten von Bier fließen die Kehlen hinunter. Ingo genehmigt sich lediglich ein halbes Glas Merlot, hat er sich doch heute Abend als unser Fahrer zur Verfügung gestellt. Nicht ohne Hintergedanken natürlich. Möglichst elegant und unauffällig will er sich dem Gruppen-Sauf-Zwang entziehen. Schnell entflammen nach dem Essen Diskussionen, Bestellungen gehen über den Tresen und man zeigt sich spendabel. Großzügig fragt einer der Kollegen in die Runde nach Getränkewünschen. Bier? One, two, three, who else? Ingos Bestellung eines Lime-Sodas lässt augenblicklich die Unterhaltung verstummen. Mitleidige Blicke landen auf dem Autoschlüssel, den “mein Fahrer” zur Verdeutlichung in Höhe seiner Nase hin und her wedelt. Verständliches Kopfnicken. Jeder weiß, wie penetrant die englische Polizei zur Weihnachtszeit kontrolliert. Ingos Bestellung ist akzeptiert.

“Lucky you, Claudia!” wendet sich der Gönner nun an mich. “Dann kannst Du ja heute Abend hemmungslos trinken!” Ja, super, habe ich mir auch schon überlegt. Nach dem zwei Stunden Run heute morgen mit der Laufgruppe habe ich auch etwas mit meinem Flüssigkeitshaushalt geschludert. Welch eine  Fürsorglichkeit! Angenehm überrascht nehme ich diese zur Kenntnis und wende mich mit meiner Bestellung an den Spendierfreudigen. “Einen Passionsfruchtsaft hätte ich gerne. Darf auch ruhig mit etwas Mineralwasser aufgefüllt sein.” Erneut tritt schlagartig Schweigen ein. “You want what?” Das heisere Bellen unterbricht die Stille noch bevor ein prüfender Blick auf meinem Bauch landet? Schwanger? „Oh nein, definitiv nicht. Das Problem ist nur, wir haben unser Navigationsgerät -das GPS- vergessen. Ohne dessen Hilfe ist Ingo aufgeschmissen.“ Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Mit  meinem unschuldigsten Blick fahre ich fort. “Da ich keine Lust habe, später stundenlang nach der richtigen Ausfallstraße zu suchen, bleibe ich besser nüchtern. Mit Karten lesen hat es Ingo nämlich nicht so. You know…!“ Sekundenlange Reaktionszeit verursacht durch den erhöhten Alkoholpegel der fortgeschrittenen Stunde bevor Gegröle den Raum erfüllt. Ich würde sagen Eins zu Null für mich und meinen Passionsfruchtsaft!