|
England, Tagebuch 2er die auszogen, britisch zu werden |
|
|
|
22.Dez. 2004 Was haben Otto und Nikolaus gemeinsam? Der neue heißt Nikolaus und ist anders als die anderen. Anders als die meisten anderen. Und dennoch normal für englische Verhältnisse. Aber durchaus gewöhnungsbedürftig. Das Lenkrad ist auf der falschen Seite, nur zwei Pedale stehen lediglich einem Fuß zur Verfügung und die Gänge wechseln von alleine. Stimmen behaupten, unser neuer VW Bus sei “posh”. Verglichen mit Otto-Bulli ist das vielleicht gar nicht so falsch. Der Zustand ist durchaus als “etwas besser” zu bezeichnen. Wir freuen uns über unser Geschenk, das wir uns am 6. Dezember selbst gemacht haben. Der Name für den „Neuen“ war somit schnell gefunden. Anyway... Ein enormes Abenteuer “Autokauf” liegt hinter uns. Erschwert wurde der Plan durch unsere nicht vorhandene Kreditwürdigkeit in England. Da wir neu hier ans andere Ende der Welt kamen (oder zumindest nahe dran sind) haben wir bisher keine prüffähige Kredithistory. Was Banken dazu veranlasst, uns einfach als “nicht kreditwürdig” einzustufen. Unsere Beschwerdebriefe bis hin zum Vorstand wurden mit “...sorry, but…” abgefertigt. Die Arbeit, unsere Bankkonten der vergangenen Jahre in Deutschland nachzuprüfen, macht sich keiner. Deutschland liegt wie der Rest Europas auf der anderen Seite des Kanals und gilt in solchen Angelegenheiten als nicht erreichbar. Die Engländer leben auf ihrer kleinen Insel und selbst im Zeitalter von e-Mail und Internet hat sich deren Meinung nicht grundlegend geändert. Zu der nicht vorhandenen Kreditwürdigkeit gehört der Vollständigkeit halber auch das Nichtaushändigen von Schecks. Von Dispolimit und Kreditkarte wollen wir hier gar nicht reden. Wie also sollen wir spontan einem Autokauf zustimmen, wenn wir den Erwartungen des potentiellen Verkäufers nicht gerecht werden können, sprich das Auto nicht auch sofort bezahlen können? Uns bleibt also nichts anderes übrig, als einen dicken Packen Geld vom Konto abzuheben, wo wir bereits der ersten Barriere gegenüber stehen. Die Dame in der Nationwide Bank hinter der Panzerglasscheibe mustert mich von oben bis unten und wirft mir einen “Du-tickst-doch-nicht-richtig-Blick” zu, als ich wie selbstverständlich 8.000,-- Pfund in bar verlange. Kopfschüttelnd erklärt sie mir, dass ab 500.-- Pfund Geld im voraus bestellt werden müsse. Dies dauert dann 2 Tage bis es abholbereit ist. Ich kann das nicht glauben! Drucken die ihr Geld selbst und hängen es dann zum Trocken auf die Wäscheleine? Aber es hilft kein Diskutieren und meine Überredungsversuche werden mit einer vernichtenden Handbewegung abgefertigt. Frau Bank bleibt stur. Mit zwei Jutesäcken bewaffnet steuere ich zwei Tage später erneut die Nationwide an. Das Geld wartet bereits auf Abholung. In verschiedenen Haufen liegen abgezählt die 50 Pfund Noten. 160 an der Zahl. Ginge es bitte noch ein bisschen kleiner? Vielleicht in 10ern oder 20ern? Zentimeterdicke Bündel schieben sich über den Tresen. Na, wenigstens ist die erste Hürde geschafft, dann kann die zweite ja nicht mehr weit sein…. Bei Nikolaus ist es Liebe auf den ersten Blick. Rundumcheck. Verhandlungsgespräche. Handschlag. Es gibt nur ein Problem. Das Geld. Sean, der Verkäufer will es nicht. Stapelweise 50 Pfund Scheine die wir zu allem Unglück aus sämtlichen Ecken und Ritzen unserer Körper zaubern. No, no, da kann was nicht stimmen. Er nimmt uns mit zu seiner Bank und die Geldbündel wandern erneut über den Tresen. Jeder einzelne Schein wird unter Schwarzlicht auf Echtheit geprüft, verleiht uns einen kurzen Augenblick eine verbrecherische Note. Als dann noch die eine oder andere Reißprobe vorgenommen wird, muss ich echt grinsen. Okay, nun wird es ans Zählen gehen. Aber nein! Selbst das funktioniert hier in England anders. Kleine Packs werden auf eine Briefwaage gelegt und so lange aufgefüllt, bis sich ein bestimmtes Gewicht ergibt. Dann kommt die nächste Handvoll Geld dran. Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich vorher im Regen spazieren gegangen um die Scheine mit dem wertvollen Nass zu erschweren. Unseren Nikolaus hätten wir dann um einiges billiger bekommen. Aber eines ist sicher! Bei der nächsten großen Anschaffung weiß ich mich zu benehmen. Ich werde dann ganz selbstbewusst in die Nationwide-Bank marschieren und zu der arroganten Tante am Schalter sagen: “Madam, ich hätte gerne drei Kilo Geld!”. Und mit wohlwollendem Kopfnicken werde ich hinzufügen: “Es darf auch ruhig ein bisschen mehr sein…”
|