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England, Tagebuch 2er die auszogen, britisch zu werden |
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18. Dez. 2004 Herr Karies und Professor Zahnstein Weihnachten verbinde ich mit Rudolf dem rotnasigen Renntier, Kerzenlicht und unbedingt Süßigkeiten. Letzteres steht seit einigen Tagen appetitanregend in randvollen Bastkörbchen in der gesamten Wohnung verteilt. Und ganz ehrlich, dort ungeachtet vorbei zu laufen, wäre reine Körperbeherrschung, die mir nicht mit in die Wiege gelegt wurde. Der Augenblick des Genusses ist unendlich kostbar, wäre da nicht ein einziger Nachteil. Während Ferrero Rocher auf der Zunge zergeht, zieht sich Herr Karies bereits die Arbeitshandschuhe über und macht sich ans Werk. Die Kehrseite der Medallie lässt mich etwas nachdenklich werden. Vor der Tür stehen die Weihnachtsfeiertage mit Puter, Marzipan und Vanilleeis. Und man weiß ja nie. Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt, hat mein Papa immer gesagt. Vielleicht wäre es ganz schlau, sich im Voraus einen geeigneten Zahnarzt zu suchen… Das englische Gesundheitssystem gleicht dem deutschen, nur mit deutlich weniger Leistungen. Als “arbeitender Bürger” zahlt man unfreiwillig in das National Health System ein und darf dafür nahezu kostenlose Behandlung bei Ärzten und Zahnärzten erwarten. Vorausgesetzt, man ist registriert. Ohne Registrierung, keine Behandlung! Leichter gesagt als getan. Die diversen Zahnarztpraxen die ich anrufe, sind allesamt für die gesetzlich versicherten Patienten ausgebucht. Ich könne es entweder in einem halben Jahr nochmals probieren (wenn sich etwaige Zahnlöchlein in Krater verwandelt haben) oder aber gerne als Privatpatient kommen. Ingo und ich entscheiden uns für die Privatpatientenvariante. Seitenweise beantworten wir an unserem Registrierungstermin Fragen über persönliche Verhältnisse, Gewohnheiten, Familiengeschichten und Krankheitsverläufe. Gelangweilt beobachte ich Ingo beim gewissenhaften Malen der Buchstaben, als SIE plötzlich im Wartezimmer steht. Groß, breitschultrig, weißer Kittel. Die grauen Haare trägt sie zum strengen Dutt nach hinten gebunden. Stephen King kommt mir in den Sinn. War es nicht eine brutale, durchgedrehte Krankenschwester, die den verunglückten Schriftsteller mit zu sich nach Hause nahm und dort wochenlang gefangen hielt, quälte, hungern und dursten ließ…. Ein Finger wie ein Schraubstock deutet auf mich. Der Schauer, der mir über den Rücken läuft wird gefolgt von einem Stoßgebet in den Himmel, es möge sich doch bitte nur um die Arzthelferin handeln. Leider wird es nicht erhört und die massive Zahnärztin fordert mich mit heiserer Stimme auf, im Behandlungsstuhl Platz zu nehmen. Sekunden später durchforsten tellergroße Hände meinen Mund, graben sich bis zum Zäpfchen hinunter. Unter Zuhilfenahme eines Miniaturspeers kratzt sie hektisch an Zahnhälsen und klopft auf Füllungen herum. Sollte ich nicht erstmal erklären, warum ich hier bin? Während ich noch nach Umschreibungsvarianten für den Grund meines Besuches suche, hält mir Stephen Kings Hauptfigur einen taucherbrillenähnlichen Augenschutz hin, den ich doch bitte aufsetzen möge. Wie aus einem U-Boot-Fenster verschwimmt im Nu die Praxiseinrichtung vor meinen Augen. “Health and Safety…!” Ihre breiten Schultern zucken entschuldigend. Mit ohrenbetäubendem Lärm startet sie eine Art Poliermaschine, die nun beginnt, meine Zähne blank zu putzen. “Zahnstein…!” erklärt sie unnötigerweise. Eigentlich wollte ich mich doch nur registrieren lassen… Als hätte sie meine Gedanken erraten verstummt der Motor. Geschafft! Zum Glück! “Noch eben eine Röntgenaufnahme…”. Aus dem strengen Dutt lösen sich ein paar vorlaute Strähnen, die dem gesamten Erscheinungsbild zu dem eines zerstreuten Professors verhelfen. Ein metallenes Plättchen schiebt sich in meinen Mund, verhindern dessen Wiederverschließen. Das unangenehme Würgegefühl, altbekannt vom morgendlichen Zähneputzen kann ich nur mit äußerster Konzentration unterdrücken. Come on Claudia, gleich ist es vorbei. Das aufmunternde Lächeln von Professor Weißkittel verliert sogleich seine Wirkung, als ich das Röntgengerät sehe. An meine Wange presst sich ein Rohr wie ein Staubsaugerschlauch der Größe XXL, das von einem monströsen Apparat aus dem ersten Weltkrieg geführt wird. Geschichtsunterricht drängt sich in mein Hirn. Wilhelm Conrad Röntgen. 1895 erfand er die nach ihm benannten Strahlen. In welchen Abständen wohl Röntgengeräte generalüberholt werden? Ich hoffe inständig, dass der Apparat, der in wenigen Sekunden mein Gesicht durchleuchten wird, zumindest annähernd den heutigen Gesundheitsvorschriften entspricht. Mein Gedankengang wird von einem kurzen Zischen unterbrochen, gefolgt von leisem Rattern. Das war es. Ich darf den Behandlungsstuhl verlassen. Das Knackgeräusch wenig später entspringt meinen Fingergelenken, als sich meine Hand in der schinkengroßen selbigen meiner Zahnärztin wieder findet. In dem Stoßgebet, das ich erneut in den Horizont sende, bitte ich diesmal um Verschonung vor abgebrochenen Zähnen und ausgefallenen Füllungen für die kommenden drei Englandjahre.
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