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England, Tagebuch 2er die auszogen, britisch zu werden |
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3. November 2004 Werde ich langsam alt? „Dann bis nächsten Dienstag um halb drei….“ Zufrieden lege ich den Telefonhörer auf die Gabel. 90 Minuten Fußreflexzonen Massage, eine genüssliche Vorstellung. Aromatherapie, Indian-Head-Massage, Reiki. Die Angebote sind großzügig. Und ich mir selber gegenüber auch. Etwa alle zwei Wochen gönne ich mir eine verwöhnende Zeremonie. Seit über 30 Jahren bin ich bisher von etwaigen Kaufattacken verschont geblieben, habe weder einen Klamottenfimmel noch einen Handtaschentick und verabscheue Staubfänger in den Regalen zutiefst. Deswegen habe ich auch überhaupt kein schlechtes Gewissen, einen Teil des Haushaltgeldes zugunsten meines persönlichen Wohlbefindens zu investieren. Überhaupt hat sich mein Leben von Grund auf geändert, seit wir Deutschland verlassen haben. Schon in Neuseeland hat sich die Geschwindigkeit unserer Aktivitäten drastisch reduziert. Ein einziger Tag hatte plötzlich 48 Stunden und noch mehr. Kein Wunder am anderen Ende der Welt, wo alle Probleme über 20.000 Kilometer entfernt waren… Aber was ist nun wirklich anders, seit wir in England sind? Worin liegen die Unterschiede, die das Leben hier so anders, ja so viel ruhiger werden lassen? Ich erinnere mich an einen Bremer Bürotag, der morgens um 8 Uhr begann. Als ich um 17 Uhr endlich Feierabend hatte, begann sich um diese Jahreszeit bereits die Dunkelheit über der Stadt auszubreiten. Welch eine Tageslicht verschwenderische Arbeitszeit! Waren es nicht immer die wertvollsten Stunden eines Tages, die man im Büro verbrachte? Und wenn man dann endlich zu Hause war, musste man sich Streichhölzer in die Augen stecken, um die verbleibenden Stunden des Abends einigermaßen sinnvoll zu nutzen. Viele rümpfen die Nase, wenn sie das Wort „Schichtarbeit“ hören. Aber sie hat durchaus ihre Vorteile. Je nachdem ob ich Früh- oder Spätdienst habe, bin ich entweder um 14.30 Uhr zu Hause oder fange um diese Zeit erst das Arbeiten an. Was mir dadurch die wertvollste, gedanklich frischeste Zeit eines Tages zur Verfügung stellt. Es ist unglaublich, was man in diesen Stunden alles geregelt bekommt. Wie ein Samstagvormittag, der damals immer herhalten musste, den „Abarbeitungsszettel“ der hoffnungslos überfüllten Wochen zu reduzieren. Heute komme ich tatsächlich dazu, bewusst Musik zu hören, ein Buch in die Hand zu nehmen oder ein entspannendes Joga-Training wahrzunehmen. Ich genieße das Lauftraining mehr als jemals zuvor, ohne es lediglich im Kalender als erledigt „abzuhaken“. Erst gestern saß ich wieder 30 Minuten bewegungslos im Jacuzzi, einer heißen Sprudelbadewanne, und habe mich mit Entspannungsmusik übersättigen lassen. Was mir jahrelang im Arbeitsleben fehlte, habe ich nun verschwenderisch an meiner Leisure-Club Rezeption. Mit dutzenden von Mitgliedern halte ich Smalltalk, diskutiere die gerade beendete USA-Präsidentschaftswahle oder tausche mich über das örtliche Kinoprogramm aus. Tatsächlich habe ich mich selbst schon dabei ertappt, mich energisch über das englische Wetter auszulassen. Bin ich etwa schon ein bisschen britisch angehaucht? Ruhige Stunden decke ich mit Lernen von Englisch- und Spanischvokabeln ab oder übe die korrekte Aussprache des längsten Ortsnamens in Wales auswendig: “LLANFAIRPWLLGWYNGYLL-GOGERYCH-WYNDROBWYLL-LLANTISILIOGOGOGOCH“ Ich frage mich, ob ich langsam alt werde, weil ich die Ruhe der stressfreien Zeit so sehr genieße. Zum Altwerden gehören aber auch zwangsläufig mehr Falten und ich habe das Gefühl, eher weniger zu haben als früher. Zumindest weniger Sorgenfalten. Und wenn schon, dann melde ich mich eben zu einem der „Skin Perfecting Treatments“ an. „Anti-Ageing“ und „Face Skin Repairing“ gibt es bestimmt auch schon für die Haut ab 35…
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