England, Tagebuch 2er die auszogen, britisch zu werden

  

 

 

 

 

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25. Aug. 2004 Im Laufen verlaufen

„I think you have missed them…!“ Meine Kollegin Charlotte des Priory Sport Clubs nickt zur Zustimmung kräftig mit dem Kopf. Vor etwas 10 Minuten sind die Läufer aufgebrochen. Ihre Hand deutet in Richtung untergehender Sonne: „Direction Merstham Lake!“ Aber so früh? Um 19.30 Uhr soll doch Treffpunkt sein. Der Blick in den Dienstagskalender bringt die Gewissheit. Mein Fehler! Was nun? Nach kurzer Überlegung sprinte ich zu den Umkleiden in den Keller „I try to catch them!“ schallt meine Entscheidung bereits unten angekommen durch den Gang. Wie gut, einmal Triathletin gewesen zu sein. Das Motorradklamotten aus- und Laufklamotten anziehen findet unterhalb der Zwei-Minuten-Grenze statt, bevor ich mit langen Schritten in die beginnende Abenddämmerung galoppiere. Hoffentlich kann ich mich noch an den Weg erinnern…

Der Public Bridleway beginnt auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Einen mit Holztritten versehenen morschen Zaun gilt es zu überwinden, bevor ich dem ausgetretenen Felsweg folge. Vor mir liegt eine leicht abschüssige Grasweidefläche, die gelbgrün dem dunkelblauen, wolkenverhangenen Himmel trotzt. Sanft wellen sich die Hügel um mich herum. Eine leichte Brise weht mir um die Ohren, der nächste Regenschauer ist in Reichweite. Klar und kühl umgibt mich die Luft und wie von unsichtbaren Händen geschoben fliege ich über Weiden und Felder. Die letzte Glut der untergehenden Sonne flammt dramatisch durch die Wolkendecke und hüllt die Landschaft in Spannung und Faszination. Die Luft prickelt wie Sekt. Überwältigt von dem Gefühl absoluter Einsamkeit zerreißt plötzlich markerschütterndes Geschrei die Abendluft. Mir bleibt fast das Herz stehen. Zwei Schritte neben mir beschwert sich ein grau-brauner Vogel über mein Näher kommen und fühlt sich garantiert genauso unwohl wie ich mich. Mein Atem dampft in der kühlen Regenluft. Friedlich kauende Schafe betrachten mich uninteressiert, nichts in der Welt kann sie aus der Ruhe bringen.

Sekunden später vermischen sich Wind und Regen und drängen sich als eine Art bedrohliches Gemurmel näher. Der Weg vor mir verliert sich zwischen Grasbüscheln und Steinen. Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung, wo ich bin. Irgendwo hier muss der Trampelpfad weiter gehen und auch der See kann nicht mehr weit sein. Wo sind nur die anderen Läufer? Langsam fühle ich mich unwohl, überlege, umzudrehen. Aber aus welcher Richtung kam ich noch gleich? Über welchen Zaun bin ich zuletzt geklettert? Der Schatten unter meinen Füßen wächst nach vorne und Puls und Herz klopfen um die Wette. Handy? Nicht dabei! Straße? Zu gefährlich im Halbdunkeln! Rufen? Wer soll mich schon hören! Also, Claudia, lass Dir was einfallen! Hätte ich nur im Überlebenstraining besser aufgepasst. Wie haben wir doch noch gleich die Schutzhütte gebaut? Und wie lauten die SOS-Notsignale? Angestrengt durch Nachdenken bemerke ich beinahe nicht den Läufer, der in etwa 500 Metern Entfernung den Berg hinauf keucht. „Heeeeelloooooo! I am here!“ Jippie, ich bin gerettet! Und das gleich von einer gesamten Mannschaft. Verschwitzt und ausgelaugt kämpfen sich die Priory Runner entlang der Anhöhe in Richtung heimatliches Nutfield. Mein prompt gestarteter Sprint in deren Richtung ist rekordverdächtig, damit würde ich garantiert Olympia gewinnen. Am liebsten wäre ich allen gleichzeitig um den Hals gefallen. Stattdessen frage ich nur gelassen: „ How was your run so far?“