England, Tagebuch 2er die auszogen, britisch zu werden

 

 

 

  zurück

 

 

 

 

 

 

 

zurück

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

zurück

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

zurück

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

zurück

                    

 

30. Juli 2004 Das passiert mir nie wieder !

Ich weiß, ich bin schrecklich, aber ich kann nicht anders! Die beiden Mopeds stehen startklar in der Garage, fertig für die etwa 400 Kilometer lange Anreise nach Derby bei Nottingham. Es regnet in Strömen und ich verspüre nicht die geringste Lust, auf meiner roten F650-Murmel durch den Regen zu rollern. Ein kurzer Augenaufschlag von unten, Schmollmund á la Marilyn Monroe und die Packrolle wechselt ihren fahrbaren Untersatz von rot nach grün. Das wäre geschafft! Von mir aus kann die Wochenendtour zum britischen Horizons Unlimited Treffen beginnen. Im Schutz von Ingos breit gepolstertem Rücken sitze ich wenig später grinsend auf dem Notsitz der großen BMW, die sich knatternd durch die Rush Hour des Donnerstag Nachmittages schlängelt. Fröhlich trällere ich „Mein Onkel Dick aus Waterloo“ aus alten Schulchor-Zeiten unter meinem geschlossenen Helm, in der Überzeugung, genau die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Ich soll in Kürze merken, wie falsch ich liege….

Kurz vor Beginn der Dämmerung bauen wir unser Zelt auf einer großen grünen Wiese am windgeschützten Rande einer mannshohen Hecke auf. Toll, fast wie im Urlaub! Der vertraute  Geruch des Kunststoffzeltes, die angenehm kühle, glatte Oberfläche der Gänsedaunen-Schlafsäcke… das ist das wahre Heimatgefühl. Ein bisschen verstört blicke ich zum Himmel. Lichten sich etwa die Wolken? Schon vor drei Stunden stoppte der Regen und ich habe mich unterwegs kurz bei der gestellten Frage ertappt, warum ich nicht selbst gefahren bin. Aber quatsch! Der Wetterbericht hat für das Wochenende pausenlosen Regen vorher gesagt und deswegen bin ich wirklich froh, nicht mit dem eigenen Moped hier zu sein. Schlechte Sicht, unsicheres Fahrgefühl, unkonzentrierte Autofahrer. Nein, nein, Claudia, gute Entscheidung!

Gestärkt durch gedankliche Überzeugungskraft wiege ich mich in Sicherheit meines Entschlusses, während sich wie von Geisterhand die dicke graue Wolke am Himmel zur Seite schiebt. Orangene Sonnenstrahlen des zu Ende gehenden Tages reflektieren sich höhnisch in den Rückspiegeln von Ingos BMW.

Der Wecker meldet sich am nächsten Morgen zeitig zu Wort. Kurz vor sieben quält sich ein schlaftrunkener Blondschopf aus der wohligen Wärme des Schlafsackes, um den geplanten Kundenbesuch anzutreten. Zum ersten Mal im Laufe seines fast 15jährigen Arbeitslebens ist Ingo mit dem Motorrad auf einer Geschäftsreise. Anders herum hat er auch zum ersten Mal auf einem Motorrad-Reise-Treffen Hemd und Krawatte dabei. Angela, die Besitzerin des angrenzenden Pubs, schließt Ingo mit einem herzhaften Gähnen die Türen auf, um ihm eine anständige Rasur und eine erfrischende Dusche zu ermöglichen. Ein kurzes „Bis heute Nachmittag!“ und ich erlaube mir selbstgefällig die Fortsetzung meines unterbrochenen Schönheitsschlafes.

Eine ganze Weile später werde ich von Schritten um das Zelt geweckt, die ich im Halbschlaf wahrnehme. Den Kopf durch den Reißverschluss geschoben stelle ich fest, dass ich nicht mehr alleine bin. Friedlich kauende Schafe umzingeln das Zelt, verzieren die grüne Wiese wie Sahnekleckse eine Erdbeertorte. Neugierig nähern sie sich mir und begrüßen mich freundlich glotzend als Wiesenmitbewohner. In den letzten Stunden hat sich auch die Anzahl der Zelte vermehrt und ich entscheide, dass es an der Zeit ist, das Reisetreffen beginnen zu lassen. Nach wenigen Minuten sitze ich bereits schnatternd mit Tim und Paul, Tony und Marcus an einem der Biertische. Eingehüllt in eine Wolke aus verdunstendem Alkohol bestaune ich mal wieder die Trinkgewohnheiten der Engländer. Mitten am Tag, im grellen Licht der Mittagssonne besteht anscheinend keineswegs eine Alternative zum Bier.

Die Wolken vom Vortag haben sich wohlgefällig aufgelöst und irritierender Weise strahlt der gelbe Ball vom Himmel. Wo ist nur die Sonnencreme? Und was viel wichtiger ist, wo ist mein Motorrad??? Auf die Frage, wie ich denn angereist wäre, gebe ich mit geröteten Wangen zur Antwort, lediglich Beifahrer aufgrund des schlechten Wetters zu sein. Verständnisloses Kopfschütteln bekomme ich zur Antwort meiner Gegenüber. Mein Hinweis, ich wäre doch lediglich ein kleines Mädchen und noch dazu eine Schönwetterfahrerin wird sofort nieder getrampelt. Tim hebt autoritär seinen dicken Zeigefinger: „You can’t play here this game!“ Schuldbewusst senke ich den Kopf. Er hat noch nicht einmal unrecht. Das weltweite Motorrad-Reise-Treffen von Horizons Unlimited zieht nicht gerade die Eiskaffee-Fahrer  an. Weltumrunder, Langzeitreisende und Globetrotter treffen hier zusammen um sich gegenseitig mit dem Reisevirus zu infizieren und Erfahrungen auszutauschen. Und unsere 18.000 Kilometer am anderen Ende der Welt gingen ja auch nicht gerade ohne Regen ab. Spätestens jetzt fange ich an, über meine gestrige Entscheidung nachzudenken. Nein, ich bereuhe sie! Und Tim versteht es nur zu gut, Salz in meine Wunde zu streuen. Allerdings nicht ohne sich nach jeder Anspielung höflich zu entschuldigen, wie es sich für einen ordentlichen Engländer gehört. Aber insgeheim schwöre ich mir, so etwas wird mir nie wieder passieren. Und wenn nächstes Jahr ein Schneesturm wütet, ich werde selber fahren!