England, Tagebuch 2er die auszogen, britisch zu werden

 

 

 

 

 

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19. Juli 2004 So nah und doch so unterschiedlich

Wie weit mag England von Deutschland entfernt sein? 400 Kilometer Luftlinie? Mir kommt es manchmal vor wie 4.000 und noch mehr! Es lebt sich anders auf der Insel, sehr viel anders sogar…

Bereits im Straßenverkehr fangen die Unterschiede an. Gut, an das links fahren haben wir uns mittlerweile gewöhnt. Aber glaube ja nicht, dass die Jungs und Mädels hier auch links LAUFEN. Neee, dafür gibt es nämlich keine Regelung! Kreuz und quer kommen einem die Horden entgegen. Ich hab das neulich nachmittags ausprobiert, bin strikt links gelaufen und habe so getan, als wäre ich durch und durch erfahrene Engländerin. Mittlerweile sind die blauen Flecken und Schrammen vom Zusammenrempeln glücklicherweise wieder verheilt. Ich hörte zwar ständig ein „sorry“ und „excuse me“, aber aus dem Weg gegangen ist niemand. Komische Eigenart!

Und wehe wenn das Wetter gut wird und das Thermometer über die 15 Grad Grenze rutscht. Da rennen die Mädels mit ihren bauchfreien, hellblauen Spaghettiträgertops und rosafarbenen Faltenminiröcken durch die Gegend. Gänsehaut und Kälteflecken werden einfach nicht beachtet. Ist ja schließlich Sommer! Badelatschen mit bunten Plastikblümchen sind in farblicher Übereinstimmung mit den glänzenden Lackhandtaschen gehalten. Willkommen im Barbie-Wonderland! Ehrlich, glaube keiner Engländerin, wenn Du mit einem Blick aus dem Fenster versuchst, das Wetter abzuschätzen. Betrachte die Klamotten….stelle Dir die dazugehörige Außentemperatur vor….und ziehe mindestens 10 Grad Celsius davon ab. Deine Nierenbecken werden es Dir danken!

Kleidungsvorschriften in Form von Uniformen dominieren den Arbeitsalltag. In Schulen, Firmen, auf Veranstaltungen, überall sind die identisch gekleideten Menschen zu finden. Genauso konsequent wie die einheitliche Kostümierung sind die Sicherheitsvorkehrungen in den Firmen. Mit einem etwa 10 cm dicken Stapel „Sicherheitsvorschriften“ bin ich von meiner ersten Hotel-Einweisung zurückgekehrt. Unter anderem ist darin zu finden, dass man im „unwahrscheinlichen Fall eines Feuers“ die Kasse an der Rezeption zuzusperren hat. Also ehrlich, ich finde das einfach lächerlich! Ist es nicht egal, ob Geldscheine in einer zugesperrten oder geöffneten Kasse verbrennen?

Und dann ist da noch das Essen. Aber fairerweise muss man sagen, es gibt Unterschiede! Tatsächlich schmeckt es manchmal gar nicht so schlecht wenn man das fehlende Salz und die trockenen Erbsen ignoriert. Aber was ich beim besten Willen nicht durch den Hals bekomme sind die zu jeder Bestellung ungefragt servierten Pommes Frites. Diese fett-triefenden „Chips“ werden doch tatsächlich ZUSÄTZLICH zu Schinkenbaguette oder zu Chilie-con-Carne gereicht.  Oder zu einer Folienkartoffel mit Sauercreme. Überall liegen diese dominanten, kalorienreichen Erdäpfelteile dabei. Und um die Magensäfte endgültig zu verwirren, kann das Ganze nach Belieben mit dem bereitstehenden ESSIG verfeinert werden. Bäh! Das passt doch nicht!

Ein paar Sachen sind einfach nur lustig. Zum Beispiel bekommt man hier ein dankbares Handheben vom entgegenkommenden Fahrzeug, wenn man die Vorfahrt-Achten-Regelung einhält. Die Anreden „Sweet“ „Love“ „Honey“ gehören zum alltäglichen Wortschatz wie das mittägliche Bier im Pub zum Labbersandwich. Gartencenter reihen sich im Abstand von zwei Meilen aneinander und sind an sämtlichen Wochenenden hoffnungslos überfüllt. Die Engländer lieben das „Gardening“ und jeder Engländer der etwas auf sich hält, holt sich die Bestätigung seines Egos im heimischen Vorgarten. Vor den Häusern wird gesät und gebuddelt, gestutzt und verbessert. Ingo wurde letzten Freitag von einem seiner Kollegen mit einem bemitleidenden Kopfschütteln ins Wochenende verabschiedet. Er unterstrich kurz vorher, dass er Gartenarbeit ebenfall total hinreißend finde, so lange die 20 Minuten Grenze pro Monat nicht überschritten wird.  

Groß sind sie nicht die Unterschiede, aber fein. War das nicht einmal ein Werbespruch für After Eight? Mit diesem unsagbar sanften Lächeln fuhr der Chauffeur Andrew den geräuschlosen Rolls Roys davon. Die feine englische Art…..wir mögen sie.