England, Tagebuch 2er die auszogen, britisch zu werden

 

 

 

 

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4. Juni 2004 Schluß mit dem Lotterleben

 „Priory Health and Leisure Club, Claudia speaking, how may I help?“

Es hat eine Weile gedauert, bis ich mein Sprüchlein am Telefon ohne Stocken aufsagen konnte, aber mittlerweile klappt´s ganz gut. Seit 27.5. arbeite ich im Nutfield Priory Hotel, genauer gesagt im angrenzenden Wellness Club an der Rezeption. Etwas völlig anderes als Steuer und Buchhaltung, aber davon träume ich ja schon lange. Schwarze Hose, blaue Bluse, ordentlich frisiert, das sind die Outfitregeln. Das Hotel selber ist ein alter, riesiger Sandsteinbau aus dem Jahr 1872 mit Blick auf Surrey und Sussex, die grüne, hügelige Landschaft des Londoner Südens. Die Gäste spiegeln die High Society Englands wider. Zwischen 195 und 385 Pfund liegen die Preise für eine Suit, die einfachen Zimmer gibt´s etwas billiger. Die Ansammlung der insgesamt 17 Hotels in ganz England nennt sich „Handpicked“. Von einer gewissen Julia Hand persönlich und liebevoll ausgesucht, wird auch von den Mitarbeitern das gewisse „Etwas“ verlangt.

Ein bleibender Eindruck soll den Gästen während des Besuch im Priory vermittelt werden, das Gefühl von einmaligem Service in traumhafter Umgebung. Dafür wird einiges getan. Von einer sechstündigen Einführung bis hin zu regelmäßigen Schulungen ist hier alles geboten. Nach der dreimonatigen Probezeit verbringt jeder Mitarbeiter ein kostenloses Wochenende im Hotel mit Restaurantbesuch und allem drum und dran um hinterher an die Hotelleitung ein Feedback abzugeben. Die Betrachtungsweise des Gastes wird hier hinterfragt und man reißt sich förmlich um Verbesserungsvorschläge. Den Mitarbeitern stehen Übernachtungen in allen 17 Hotels für 15 Pfund pro Nacht zur Verfügung, ein fairer Preis. Und Ingo und ich sind uns heute bereits sicher, daß uns die eine oder andere Motorradtour zu einem der schloßähnlichen Domizile führen wird.

Mein Arbeitstag im sogenannten „Club“ beginnt je nach Schicht bereits um 6.15 Uhr am Morgen oder um 12.30 Uhr mittags. Ich arbeite Teilzeit, ca. 20-25 Stunden die Woche, was ich sehr genieße. Alle Schichten dauern 8 Stunden, so auch meine und mir stehen je nach Schichtplan somit 2-3 freie Tage pro Woche zur Verfügung. Die Frühschicht ist wirklich sehr früh für meinen Geschmack, aber man glaubt es kaum, bereits um zwanzig nach sechs stehen die ersten Mitglieder auf der Matte, um ihre morgendliche Schwimmeinheit abzuarbeiten oder noch vor dem Bürotag einen kurzen Fitnesscenterbesuch zu genießen. Sowohl Gästen des Hotels als auch registrierten Migliedern stehen eine Anzahl von Wellnessanwendungen zur Verfügung. Von Massage über Sauna und Dampfbad, Spinningkursen, Swimmingpool, Kinderbetreuung, Schönheits- und Pflegeanwendungen (sogar speziell für den Mann) gibt es hier alles, was das Herz begehrt. Eine Bar mit Terasse rundet den sportlich orientierten Tag ab.  

Ich freue mich wahnsinnig, in diesen Bereich hinein gerutsch zu sein, so hatte ich doch zwei Hürden zu überwinden. Zum einen bin ich Ausländerin und zum anderen als Steuerfachfrau nun gar nicht aus dem Hotel/Tourismusbereich. Von einer Freundin wurde ich gefragt, warum ich denn so gerne im Hotel arbeiten möchte, da würden doch die anderen reisen. Für mich ist es momentan wichtig, mit möglichst vielen typisch englischen Situationen konfrontiert zu werden, und möglichst viele Gelegenheiten zum Sprechen zu haben. Und ein Rezeptionsjob und dann noch im über alles geliebten Sportbereich ist schon ideal.

Als Pluspunkt kommt noch dazu, daß wir freies Mittag- oder Abendessen bekommen und selbstverständlich sämtliche Sporteinrichtungen frei nutzen dürfen. Ingo bekam schon Panik, daß ich in Zukunft nicht mehr für uns koche und er somit ohne warme Mahlzeit ins Bett gehen muß. Aber da konnte ich ihn beruhige. Zum Geburtstag hat er von mir einen Gutschein über mindestens ein Jahr „Abendessenkochtreue“ bekommen.

Aber das größte Geschenk bekam Ingo schon vor zwei Wochen. Sein Motorrad! Die lange Seereise unbeschadet überstanden konnte er es am Londoner Hafen in die Arme schließen. Naja, einen kleinen Kloß mußte ich auch hinunter schlucken. Man hat schon ein recht inniges Verhältnis aufgebaut in den fünf Monaten Neuseeland. Tag für Tag, Seite an Seite. Und als die beiden Mopeds dann tatsächlich vor uns standen, liebevoll auf der Holzkiste kuschelnd, haben wir einen kleinen Freudentanz aufgeführt. Kein Seewasser ist in die Kiste gedrungen, nicht ein Stück ist schimmlig oder gammlig und es fehlt rein gar nichts. In der eisigen Morgenkälte haben wir in zwei Stunden die guten Stücke zusammen geschraubt und nach nur wenigen Sekunden Verweigerung sprangen sie auch an. Den darauffolgenden Sonntag Morgen nahm Ingo sich „frei“. Eine Erkundungstour nach London City stand an. Hinein in die Metropole über die London Bridge, hinaus über die Tower Bridge. „Jetzt bin ich mir sicher, daß meine BMW wieder hier ist!“ strahlt Ingo über beide Ohren nach seiner Rückkehr. Das ist wirkliche Liebe. Ach, wenn er mich nur einmal so verträumt ansehen würde....