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England, Tagebuch 2er die auszogen, britisch zu werden |
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9. Mai 2004 Frequently asked questions Seit Tagen habe ich blitzsaubere Fingernägel. Vom vielen Brotbacken. So ein Brotteig will ja ordentlich durchgeknetet werden und ehrlich... so gut sahen meine Nägel noch nie aus. Mein Papa hat immer gesagt: „Ich muß mal wieder Plätzchen backen, meine Fingernägel sind so dreckig!“ Naja, ich will Euch jetzt nicht den Appetit verderben, irgendwann kommt Ihr ja mal zu Besuch, und dann gibt’s wahrscheinlich.....na?......genau!.... selbstgebackenes Brot! Ich werde häufig gefragt, was ich den ganzen Tag so mache, als arbeitslose Hausfrau. Ich werde hier und jetzt die „frequently asked questions“ beantworten. Mein Tag beginnt sofort nachdem die Haustür ins Schloß gefallen ist. Ingo verläßt um 7.45 Uhr das Haus und schwupps, bin ich auch aus dem Bett. Zur morgendlichen Zeremonie gehört das Kaffeetrinken (noch vor dem Waschen). Mein Jungfrauenaszendenten verlangt nach der bedingungslosen Einhaltung von Gewohnheiten in der richtigen Reihenfolge. Darüber macht sich zwar der Widder in mir permanent lustig, aber ist ja auch nett, so ein Käffchen am Morgen. Zu den gewissenhaften Pflichten einer Hausfrau gehört natürlich auch, dass sie bestens über den Tratsch aus dem Haus informiert ist. Gelegentlich treffe ich mich deswegen mit Emmy aus der Wohnung gegenüber auf einen Drink, um die Neuigkeiten aus Redhill zu erfahren. Es mag verwunderlich klingen, aber wir haben zu solchen Anlässen keine Lockenwickler in den Haaren. So ein Tag beinhaltet wirklich eine Menge freie Zeit, also widme ich mich dem Verfassen eines zusammen hängenden Neuseeland Reiseberichtes. Alle umgangssprachlichen und nicht für die breite Öffentlichkeit gedachten Teile des Tagebuchs müssen gestrichen werden. Und siehe da, die Neuseelandstory hat sich auf ein Drittel reduziert. Englischhausaufgaben wollen erledigt werden, Spanischvokabeln schreien nach Auffrischung und natürlich muß zwischen all dem auch zu späterer Stunde das Abendessen auf dem Tisch stehen. Aber noch fühle ich mich nicht gestresst und deswegen habe mich zu einem Wasserfarben-Malkurs angemeldet. Und damit ich nicht „aus der Form gerate“ oder besser gesagt erst einmal wieder in Form komme, vergnüge ich mich zweimal die Woche mit anderen Hausfrauen in Bodyshapekursen. Da ist zum Beispiel „Bauch-Beine-Po“, in England „Legs-Bums-Tums“ genannt, kurz „LBT“. In Neuseeland war diese LBT-Abkürzung auf den Menükarten in Kneipen zu finden. Hier stand sie für „Lettuce-Bacon-Tomato“, ein leckerer Mix auf Sandwich oder Panini. Im Fitnesskurs gibt es allerdings nichts zu essen. Vielmehr müssen wir den früheren Heißhungerattacken schweißtreibende Fallen stellen. Ich wußte von einigen Muskeln bisher nicht, daß sie überhaupt existent sind. Wenn mir die Langeweile droht, fordere ich mein Widder-Sternzeichen zu einem Bügelduell heraus. Ich versuche dann, drei Minuten pro Hemd zu unterbieten. Ingo findet das nicht wirklich witzig, weil zum Ende des Duells, wenn ich wirklich alles gebe, die Hemden oftmals mehr Falten haben als vor dem Bügeln. Einen Nachmittag schien mal so richtig nett die Sonne (kommt hier tatsächlich zwischendurch vor) und lockte mich zu einem Spaziergang ins Freie. Im Nachbarort Reigate gibt es eine alte Burgruine mit einem wunderschön angelegten Garten drum herum, ähnlich wie die Bremer Wallanlagen. Vorbei an blühenden Bäumen und Büschen schlendere ich also durch das städtische Grün. Auf einer der vielen Bänke sitzt ein Maler mittleren Alters, der die Burgruine mit Ölfarben und Pinsel zu Papier bringt. Aaaaaach, für mich ist es eine der schönsten Beschäftigungen, einem Maler bei seiner Arbeit zuzusehen. Also setze ich mich neben ihn und frage, ob es ihn stören würde, wenn ich ihm ein bisschen zusehen würde. Nee, alles gut, kein Problem, so seine Antwort. Schlagartig hört er auf zu malen und plappert auf mich ein, während er durch seinen Hintern Luft zu holen scheint. Die grüne Farbe an seinem Pinsel beginnt schon zu trocknen, als durchdringender Alkoholgeruch mit dem Frühlingswind zu mir herüber getragen wird. Das eine oder andere Schnäpschen scheint Nick, so stellt er sich mir vor, nicht zu verachten. Ich wolle ihn nicht von seiner Arbeit abhalten, fordere ich ihn hoffnungsvoll zum Weitermalen auf. Aber Engländer sind „Chatterboxen“ und lieben Smalltalk. Leider malt Nick keinen einzigen Pinselstrich mehr, bis ich mich von ihm verabschiedet habe.
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