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England, Tagebuch 2er die auszogen, britisch zu werden |
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1. April 2004 England, wir kommen! Im monotonen, einschläfernden Takt der Nordseewellen schippern wir westwärts unserem neuen englischen Lebensabschnitt entgegen. Tatsächlich liegt der 24stündige Overseeflight erst fünf Tage zurück. Und trotzdem! Neuseeland scheint Jahre hinter uns zu liegen, als wir mit unserem treuen Bulli „Otto“ im hektischen Linksverkehr London passieren. Die Ringautobahn um die Weltmetropole wird von den Engländern scherzhaft „größter Parkplatz Englands“ genannt, was gar nicht so weit hergeholt ist. Täglich bilden sich lange, stinkende Schlangen vor dem Nadelör „Dartford Crossing“. Richtung Norden ein Tunnel, Richtung Süden eine Brücke. Hier muss alles durch. Heute ist ausnahmsweise staufreie Zone. Ein Pfund ist zu bezahlen, dann duerfen wir passieren. Die Natur Englands ist der zu Deutschland um mindestens drei Wochen voraus. In leuchtenden Gelb präsentieren sich auf kilometerlangen Abschnitten die Rapsfelder vor unseren neuen Heimat „Redhill“. Der Name „Greenhill“ wäre hier wahrlich passender. Der Ort liegt romantisch auf einer Anhöhe, umgeben vom frühlingshaften Grün der Wälder und Hügel. Sofort erscheint mein altes, verrostetes Dreigangrad vor meinem geistigen Auge das friedlich am Heckgepäckträger im Takt des monotonen Fahrtwindes wippt. Wie soll ich hier nur vorwärtskommen ohne an einem der Berge umzukippen? Eine niedlich eingerichtete Dreizimmerwohnung im Ikea-Stil begrüßt uns mit einem sonnendurchfluteten Wohnzimmer. Sogar eine Gästetoilette gibt es, Geschirrspüler und Mikrowelle ebenfalls. Ich komme aus dem „Wow“-Sagen gar nicht mehr raus. „Nur nicht daran gewöhnen!“ so Ingos Kommentar. „Nach 6 Monaten gibt’s diesen Luxus nicht mehr.“ Aber bis September fließt noch viel Wasser die Themse hinunter. Kommt Zeit, kommt Geschirrspüler! Schnell fühlen wir uns heimisch und schon nach dem dritten Tag sind die Geräte für mich nicht mehr wegzudenken. Langsam läßt auch der Muskelkater vom Schleppen der Umzugskartons nach. In den zweiten Stock hinauf galt es etliche Treppen zu bezwingen, bevor der Bulli von seinen Lasten befreit war. Ingos ersten Arbeitstage gehen ruhig vorbei. Lediglich zwei Tage bis zu den Osterfeiertagen, ein guter Einstieg nach einem halben Jahr „Sabbatical“. In guter alter Manier nutzen wir einen Teil der freien Tage für eine erste Erkundungstour der englischen Insel. An der Themse biegen wir ab Richtung Osten, immer an der Küste entlang. Eisiger Wind weht uns bei einem der langen Spaziergänge um die Ohren. Wie gut, dass wir die Bettdecken aus dem Gästezimmer eingepackt haben. Der wolkenlose Himmel verspricht eine kühle Nacht. Zurück in der Arbeitswoche (zumindest für Ingo) will ein langer Zettel abgearbeitet werden. Vom Banktermin über Vorratsschrank auffüllen reicht er bis zum Ausfindigmachen von neuen Joggstrecken und Sprachzentren. Täglich strampel ich auf meinem alten Klapperrad durch die Straßen, auf der Suche nach den Dingen des alltäglichen Lebens. Bäcker, Metzger, Schuster, Frisör. Ich komme mir vor wie beim Überlebenstraining. Und plötzlich springt sie mich an. Direkt aus dem Fenster einer Jobagentur leuchtet mir ein Stellengesuch entgegen: „Mitarbeiter für privaten Freizeit-Club gesucht“. Die kurze Beschreibung überfliegend beginnt mein Herzschlag sich zu verdoppeln. Swimming Pool, Rezeption, Fitnesscenter, Sportkurse. Ein unsichtbarer Magnet zieht mich ins Innere des Büros. Und Sekunden später sitze ich vor einem Bewerbungsbogen. Der Anruf des Senior-Beraters am Nachmittag öffnet mir die Tür zu einem Gespräch. Den Lebenslauf in den Nachtstunden ins englische übersetzt, sitze ich nun gespannt vor Lawrence und blättere in der Prospektbeschreibung des Clubs. Einem Schloß nicht unähnlich dominiert der riesige, steinerne Komplex in der Landschaft. Firmen schicken ihre Mitarbeiter zu den verschiedensten Aus- und Weiterbildungen dorthin. Hotel, Restaurant und ein Freizeitbereich sollen den Aufenthalt so angenehm wie möglich gestalten. Noch vor wenigen Tagen habe ich betont, eine etwaige Jobsuche erst einmal nach hinten zu verschieben und mich den neuen Reiseberichten zu widmen. Schon witzig, wie einem manchmal der Zufall einen Streich spielt.... Sie heißt Jane und würde im Kreis lachen, wenn sie keine Ohren hätte. Sie redet fast ununterbrochen und zischelt das „sssssssssssssssssss“ am Ende der Worte, dass Ingos empfindliche Ohren zu vibrieren beginnen. Aber dafür ist unsere neue Englischlehrerin wahnsinnig nett. Wir werden in den EFL Kurs (English as a Foreign Language) auf Level 5 eingestuft. Das ist die höchste Auszeichnung, die man bekommen kann. Ein Hoch auf fünf Monate Neuseeland! Am Abend vorher mußten wir eine kleine Bildergeschichte schreiben, Grammatikaufgaben lösen und Vokabelkenntnisse beweisen. Ein Gefühl, wie in früheren Klausuren. Von den übrigen Teilnehmern werden wir freundlich in die Runde aufgenommen. Von Moskau bis Frankreich sind hier sämtliche Nationen vertreten. Au pair Mädchen, angehende Lehrer, Shopangestellte, Studenten. Ein bunter Haufen.
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